Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker

BApK

Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.

Diagnosen und Therapien

Die Frage nach den Ursachen

Bis heute weiß niemand genau, wie psychische Krankheiten entstehen, und alles spricht dafür, dass es nicht nur eine Ursache gibt.

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Weder biologische noch psychosoziale Faktoren können für sich allein die Ursache sein; nur ihr Zusammenwirken kann bei manchen Menschen zu einer psychischen Erkrankung führen. Die Betonung liegt dabei auf dem Wort kann. Als Auslöser kommen unter anderem in Frage: körperliche Erkrankungen, Erkrankungen des Gehirns, Drogenkonsum, schwere seelische oder soziale Belastungen oder eine genetische Veranlagung. Manchmal ist es wie der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: zu einer angeborenen Verletzlichkeit und einer schwierigen Lebenssituation kommt noch ein weiteres belastendes Ereignis hinzu, und das Gleichgewicht eines Menschen geht verloren – er wird psychisch krank. Dies ist in einfachen Worten, was die moderne Psychiatrie mit der Arbeitshypothese des "Vulnerabilitäts-Stress-Konzept" meint. Es bedeutet, dass Menschen mit einer erhöhten Empfindsamkeit auf Dauerstress und Überforderung, aber auch auf Schicksalsschläge mit einer psychischen Störung reagieren können.

Da Menschen dazu neigen, für Unbegreifliches Erklärungen zu suchen, hat man in der Vergangenheit auch in der Wissenschaft die Schuld an psychischen Erkrankungen häufig in der Herkunftsfamilie und bei den Angehörigen gesucht. Heute weiß man, dass diese Denkrichtung einer der vielen Irrwege der psychiatrischen Forschung war.

Für Schuldgefühle und schlechtes Gewissen besteht kein Grund. Sie lähmen und binden Ihre Kraft. Auf die Entstehung der Krankheit hat Ihr Verhalten keinen Einfluss! Sie sollten jedoch wissen, dass Ihr Verhalten und Ihre Einstellungen durchaus einen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Erkrankung haben können.

Die Sache mit den Diagnosen

Vielleicht haben Sie sich schon gewundert, wie schwer sich selbst Fachleute mit der Diagnose von psychischen Erkrankungen tun oder dass es im Einzelfall auch einmal zu unterschiedlichen Diagnosen kommt. Dafür kann es viele Gründe geben.     

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Abgrenzungen von einem Krankheitsbild zum anderen sind in der Theorie einfacher zu ziehen als im praktischen Leben. Psychiatrische Diagnosen sind daher als Arbeitshilfen zu verstehen. Sie werden heute auf der Grundlage internationaler Übereinkünfte gestellt. Diese Diagnosesysteme sagen nichts über die Ursachen der Krankheiten aus, sondern richten sich nach den Symptomen.

Das bekannteste Klassifikationssystem für psychiatrische Diagnosen ist das Kapitel F der ICD-10 (International Classification of Diseases, deutsch: Internationale Klassifizierung von Krankheiten). Die ICD-10 arbeitet rein beschreibend und verzichtet auf theoretische Erklärungen. Damit lehnt sie sich an das amerikanische DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, deutsch: diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen) an.

Vorbehalte gegenüber der psychiatrischen Diagnostik gibt es sowohl unter Wissenschaftlern als auch in der Gesellschaft und nicht zuletzt bei den Patienten. Doch ohne Diagnose geht es auch nicht. Wer Hilfe sucht, möchte in der Regel eine Diagnose hören, um seine Beschwerden und Störungen einordnen zu können.

Diagnosen wirken sich für Betroffene auf verschiedene Weise aus:

  • Sie erklären Phänomene.
  • Sie reduzieren Angst (weil Hilfe erschlossen wird), oder sie verstärken Angst (weil negative Zukunftserwartungen geweckt werden).
  • Sie relativieren die mit den Symptomen verbundenen Probleme.
  • Sie entschuldigen Leistungsabfall und gestörtes Sozialverhalten.

Aus alldem folgt, dass mit psychiatrischen Diagnosen sehr behutsam umgegangen werden muss. Das Spannungsfeld möglicher positiver und negativer Wirkungen der Diagnose stellt an die Behandler hohe Anforderungen.

Der behutsame Umgang mit psychiatrischen Diagnosen rechtfertigt jedoch keineswegs, dass Patienten über die medizinischen Aspekte ihrer Erkrankung und Behandlung schlecht informiert werden. Auch Angehörige sollten über die wichtigsten psychiatrischen Diagnosen und Besonderheiten der Therapie Bescheid wissen. 

Krankheitsbilder

Psychische Erkrankungen sind nicht selten. Annähernd ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland erfüllt im Laufe eines Jahres die diagnostischen Kriterien für das Vorliegen einer psychosomatischen oder psychischen Störung.
(Quelle: Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 41, Robert-Koch-Institut, Berlin 2008)

Dennoch wissen viele Betroffene und ihre Angehörigen häufig wenig über solche Erkrankungen. Das erschwert es, die nötige Hilfe rechtzeitig zu finden und in Anspruch zu nehmen.

An dieser Stelle finden Sie in einem kurzen Überblick die wichtigsten Informationen zu häufigen Krankheitsbildern. Ausführliche Informationen zu diesen und weiteren Krankheitsbildern finden Sie im Psychiatrienetz.

In unserer Broschürenreihe "Antworten auf die häufigsten Fragen" haben wir zu Depressionen, Schizophrenie und Borderline häufige Fragen von Angehörigen zusammengetragen, die von renommierten Fachleuten beantwortet werden.    

Therapien bei psychischen Störungen

Art und Schwere vieler seelischer Erkrankungen erfordern die gleichzeitige Anwendung von Medikamenten und Psychotherapie. Vor allem bei schweren und lang andauernden Verläufen müssen beide Behandlungsverfahren durch soziotherapeutische Maßnahmen, also Hilfen bei der Lebensbewältigung in den Bereichen Arbeit, Wohnen, Freizeit und Tagesstrukturierung, ergänzt werden.

Auch über die wichtigsten Therapieformen haben wir für Sie einen kurzen Überblick zusammen-gestellt. Ausführliche Informationen finden Sie im Psychiatrienetz.

Standards in der psychiatrischen Behandlung

Wie in der Medizin allgemein gibt es auch in der Psychiatrie eine Fülle von verschiedenen Behandlungsmethoden, Lehrmeinungen und Denkrichtungen. Da es keine eindeutige Ursachenerklärung für psychische Erkrankungen gibt, tauchen öfter als in der somatischen Medizin neue Thesen auf und verschwinden auch wieder. Psychiatrische Konzepte und Therapien pendeln zwischen einem rein medizinischen und einem psychosozialen Pol. Es ist deshalb für Patienten und Angehörige schwierig, eine gute und moderne Therapie zu erkennen.

Unabhängig davon gibt es jedoch einige Kriterien für die Beurteilung der Behandlungsqualität.     

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Legen Sie folgende Kriterien an professionelle Helfer an:

  • Offenheit, Gesprächsbereitschaft, Menschlichkeit, gepaart mit Kompetenz,
  • Verständnis für das Leiden des Patienten und die Situation der Angehörigen,
  • Aufklärung des Patienten über:
    • Individuelle Behandlungspläne
    • Medikation und deren Nebenwirkungen
    • Zukunftsaussichten

Ihr erkranktes Familienmitglied sollte es nicht hinnehmen, wenn:

  • Gespräche mit dem behandelnden Arzt nicht möglich sind,
  • keine oder unzureichende Aufklärung über Behandlung, Medikation und Nebenwirkungen erfolgt,
  • keine somatischen Untersuchungen durchgeführt werden,
  • keine Kontinuität in der Betreuung besteht,
  • Menschlichkeit und vertrauensvoller Umgang nicht zu erkennen sind.


Auch medizinische Betreuung ist eine Dienstleistung! Es gibt Qualitätsmerkmale und unterschiedliche Anbieter. Wenn Sie Mängel und Missstände feststellen, machen Sie das deutlich und melden Sie diese ggf. Ihrer Krankenkasse. Schlechter Service muss nicht akzeptiert werden!