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Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker

BApK

Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.

IV-Verträge: Angehörigenverband fordert Transparenz, Evaluation und Qualitätssicherung (Dez. 2010)

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker (BApK) begrüßt als Familien-Selbsthilfe Psychiatrie grundsätzlich die Chancen, die durch Integrierte Versorgungsverträge auch in der Versorgung psychisch kranker Menschen gegeben sind.

Bereits 2006 hat der BApK einen Kriterienkatalog für IV-Verträge erarbeitet, um sicherzustellen, dass derartige Verträge tatsächlich eine bessere Versorgung für die betroffenen Menschen bringen und weder alten Wein in neuen Schläuchen darstellen noch rein kostenorientiert sind.

Nachdem in der Modellphase die Krankenkassen sehr zurückhaltend beim Abschluss von IV-Verträgen im Bereich der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung waren, hat sich das in der letzten Zeit geändert. Die Tatsache, dass etwa ein Drittel der Erkrankungen, die für den Morbiditäts-Risikostrukturausgleich indexiert sind, zum Bereich der ZNS-Erkrankungen gehören, dürfte dabei auf Seiten der Krankenkassen durchaus relevant sein. Auf der Seite der Anbieter, insbesondere sogenannter komplementärer Leistungen, dürfte dagegen die anstehende Reform der Eingliederungshilfe von Bedeutung sein. Die Absicherung der Leistungen über das SGB V erscheint aus Trägersicht verlässlicher als Leistungen, die über die Eingliederungshilfe finanziert werden.

Leider sind die Regelungen in allen IV-Verträgen nicht transparent; in den Verträgen vereinbarte Boni und Mali sind nicht bekannt. Soweit uns bekannt, gibt es auch noch keine Evaluationsergebnisse, sofern eine solche in den Verträgen überhaupt vorgesehen ist.

Den Patienten und ihren Familien bleiben also die Versprechungen, die eingeschriebenen Patienten gemacht werden. Für Patienten und ihre Angehörigen attraktiv sind dabei insbesondere Leistungen, die üblicherweise vom Versorgungssystem nicht oder nur in Einzelfällen erbracht werden. Dazu gehören: Bezugsperson mit Lotsenfunktion, aufsuchende Dienste, ambulante psychiatrische Krankenpflege, Soziotherapie, Psychoedukation, Unterstützung für Angehörige und nicht zuletzt ein Krisendienst rund um die Uhr.

Dies alles sind Forderungen der Selbsthilfe der Familien, die seit vielen Jahren formuliert werden (siehe auch Agenda 2020 der Selbsthilfeverbände „Was zu tun ist“).

Die Beurteilung angebotener IV-Verträge ist wegen der fehlenden Transparenz und Evaluation also nur dahingehend möglich, für wie glaubhaft die genannten Versprechungen gehalten werden oder auch durch die Abwägung, ob Chancen und Risiken in einem vertretbaren Verhältnis stehen. Dies kann im Einzelfall zu unterschiedlichen Einschätzungen führen, wie im Fall des derzeit in der Diskussion stehenden IV-Vertrags in Niedersachsen zwischen der AOK und einer Management-Gesellschaft, die Tochter eines Pharmaunternehmens ist.

Die Zulassung von pharmazeutischen Unternehmen als direkte Partner in IV-Verträgen, die ausgerechnet im Zuge des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG) beschlossen wurde, sieht der BApK mit Skepsis. Der BApK sieht darüber hinaus jedoch erhebliche Risiken in allen bestehenden IV-Verträgen, solange deren Inhalte nicht bekannt sind.

Dies gilt für den bereits erwähnten IV-Vertrag in Niedersachsen, aber genauso für andere IV-Verträge, so z.B. die Verträge der Techniker-Krankenkasse, die diese in verschiedenen Regionen mit einem regionalen Träger als alleinigem Partner auf Anbieterseite abgeschlossen hat. Dazu wurde z.B. in Schleswig-Holstein ebenfalls eine Management-Gesellschaft als Tochter des ohnedies größten Anbieters in Schleswig-Holstein gegründet.

Resümee:

Der „IV-Markt“ scheint sich zu einem für die unterschiedlichsten Anbieter attraktiven Handlungsfeld zu entwickeln. Der BApK unterstreicht daher seine Forderung nach Transparenz der Verträge, ohne die eine Beurteilung – und erst recht eine Ergebniskontrolle – praktisch nicht möglich ist.

Wir stehen grundsätzlich jeder Art von Exklusiv-Verträgen kritisch gegenüber, egal ob mit einem mit der Pharmaindustrie verbundenen Unternehmen, einem Krankenhausträger oder einem anderen Leistungsanbieter.

Da bei allen diesen Verträgen wirtschaftliche Interessen der Beteiligten eine erhebliche Rolle spielen, werden wir als neutraler Verband ohne wirtschaftliche Eigeninteressen und ohne wirtschaftliche Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen oder Organisationen nicht Position für oder gegen eine der beteiligten Parteien in IV-Verträgen beziehen, solange keine Fakten bezüglich eines Missbrauchs wirtschaftlicher oder anderweitiger Verflechtungen vorliegen.

Allerdings muss die weitere Entwicklung und die praktische Umsetzung dieser Verträge sorgfältig beobachtet und die Durchführung neutral evaluiert werden.