BApK

Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.

10 Jahre SeeleFon

Das Beratungstelefon für Angehörige feiert sein zehnjähriges Bestehen

Im Frühjahr 2011 fand der BApK elf Angehörige psychisch erkrankter Menschen und Betroffene, um eine Telefon-Hotline einzurichten. Es war deutlich geworden, dass es in der psychiatrischen Landschaft an passender Beratung für Angehörige fehlt und diese Freiwilligen wollten ihr Wissen an andere weitergeben. Einige von ihnen hatten bereits in ihren Selbsthilfegruppen erste Erfahrungen im Beraten gesammelt, für andere war es ein Sprung ins kalte Wasser. Für alle war es ein Start, in den sie ihr Herzblut steckten. "Wir waren ganz schön nervös, aber auch in einer echten Aufbruchstimmung", so Oliver, der damals schon im Team war. Und ihr Engagement wurde belohnt: Am Telefon oder per Mail unterstützen und helfen die ehrenamlichen Berater:innen mit der Expertise ihres eigenen Lebens und Erlebens über fünfzig Ratsuchende pro Woche.

Bevor das SeeleFon ins Leben gerufen wurde,  hatte das bereits seit 2000 vom BApK betreute Infotelefon zu psychischen Erkrankungen durch eine enorme Zahl von Anrufenden gezeigt, wie ernst die Lage von Angehörigen ist und wie groß der Bedarf an Beratungsangeboten. Eine Beratung speziell für die Angehörigen gab es damals nicht – und so leistet das SeeleFon seit zehn Jahren Pionierarbeit.

„Jeder Anruf ist anders, das macht die Arbeit beim SeeleFon so spannend“, sagen viele der ehrenamtlichen Berater:innen. Die Fragen, mit denen die SeleFonist:innen konfrontiert werden, sind vielfälltig. So möchte eine Anruferin wissen, welche Möglichkeiten sie hat, ihren alkoholabhängigen Freund zu überzeugen, sich Hilfe zu holen. Ein anderer möchte wissen, ob es rechtens ist, dass seine Schwester gegen ihren Willen untergebracht wurde. Und wieder ein anderer macht sich Sorgen, dass die Situation zuhause eskaliert und bittet um Hilfe.

Oft fällt es den Anrufenden schwer, ihre eigenen Grenzen zu akzeptieren und ihren Anspruch, ihren erkrankten Mitmenschen zu helfen, auf ein realistisches Maß zu senken. Dann betonen die Berater:innen, wie wichtig es ist, sich auch um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern, erzählen von Achtsamkeit und Selbstfürsorge und machen auf Hilfeangebote speziell für Angehörige aufmerksam.  „Aus manchen Ratsuchenden sprudelt nur so heraus, was sie zu berichten haben. Doch manche müssen erst mal nach den passenden Worten suchen, denn viele von ihnen haben noch nie über die Dinge gesprochen, die sie bedrücken, auch deshalb, weil in ihrem Umfeld nicht immer Verständnis für ihre Lage in besteht.“ Diese Erfahrung teilen viele der SeeleFonist:innen.  Dass die Anrufenden und die Beratenden einander auf Augenhöhe begegnen, hilft dabei, denn es ermöglicht ein Gefühl der Gleichwertigkeit zwischen beiden Seiten und schafft damit eine Situation, die viele Angehörige im Umgang mit Professionellen immer noch oft vermissen. 

„SeeleFonist:in zu sein ist sehr befriedigend – aber manchmal emotional auch sehr herausfordernd“, darin sind sich die SeeleFonist:innen einig. Manche Gespräche bleiben  dauerhaft im Gedächtnis.  Zum Beispiel der Anruf eines Mannes, dessen Frau nach einem Suizidversuch in der geschützten Abteilung untergebracht wurde. “Er war völlig verzweifelt und wusste nicht weiter. Es dauerte etwas, aber schließlich konnten wir gemeinsam einen Lösungsweg finden. Nach ein paar Tagen rief er wieder an und erzählte, dass seine Frau wieder bei ihm sei und alles besser werde. Da merke ich dann wieder, wie wichtig meine Arbeit hier beim SeeleFon ist“, sagt Elke.  “Fertige Lösungen können wir nicht anbieten. Aber wir wollen gemeinsam mit den Anrufenden schauen, welche Fähigkeiten und Möglichkeiten sie haben, um zu einer Lösung zu finden. Eine Navigation können wir geben“, sagt Oliver. “Das gelingt nicht immer. Manche sind noch nicht so weit, den Weg zu gehen. Sie brauchen noch ihre Zeit und können sich immer noch mal melden“,  ergänzt Elke.

Damit die SeeleFonist:innen bei ihrer anspruchsvollen Tätigkeit nicht selber in Not kommen, werden alle Beratenden umfassend geschult. Während ihrer Tätigkeit steht ihnen eine Psychologin zur Seite, mit der sie kurzfristig belastende Gespräche aufarbeiten können. Außerdem findet zweimal jährlich eine Supervision statt, bei der die SeeleFonist:innen sich untereinander austauschen. Das stärkt auch den Zusammenhalt. “Wir waren von Beginn an eine tolle Truppe, wir unterstützen einander und stehen immer im Austausch miteinander“, so Karin, die von Anfang an dabei ist.

Die Zahl der Ratsuchenden steigt stetig an, über 2000 Beratungen finden jährlich statt, jeder achte Anruf kam in einer Krisensituation. Inzwischen ist das SeeleFon-Team auf fast zwanzig Ehrenamtliche gewachsen, die per Mail und am Telefon von Montag bis Freitag beraten. Zeitweise wurde während der Hochphase der Corona-Pandemie auch samstags und über die sonst übliche Mittagspause hinweg beraten. Bald werden einige neue Mitglieder hinzukommen. Langfristig möchte das SeeleFon weiterwachsen und auch diverser werden. Zukünftig sollen neue Beratende mit verschiedenen Muttersprachen hinzukommen, um auch in unterschiedlichen Sprachen zu kommunizieren.

Das SeeleFon ist unabhängig von finanziellen, weltanschaulichen oder politischen Interessen. Es ist transparent und unterliegt der Schweigepflicht. Die Beratung steht außer den Angehörigen auch allen anderen Ratsuchenden wie Psychiatrie-Erfahrenen, Nachbarn und Arbeitskollegen offen und geschieht auch anonym.

Unter der Nummer 0228 71002424 ist das SeeleFon von Montag bis Donnerstag von 10 bis 12 und von 14 bis 20 Uhr sowie freitags von 10 bis 12 und 14 bis 18 Uhr zu erreichen. Die Mailberatung hat die Adresse seelefon(at)psychiatrie.de.