BApK

Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.

Kokee Thornton ist ein Multitalent: Sie ist Sängerin, Rapperin, Produzentin, Illustratorin und Zeichnerin des daily Webcartoons `Weirdoz´. 2017 war sie Zweitplatzierte der Aktion Women with attitude. Im gleichen Jahr  veröffentlichte sie ihre Single "Heute liegt ein Stein auf mir", einen Song, der sich mit dem Thema Depressionen und dem Suchen nach Hilfe bei psychischen Erkrankungen beschäftigt und auf dem Rostocker Filmfest gezeigt wurde.

Wir wollten von der Künstlerin wissen, warum sie sich für psychische Erkrankungen interessiert, welches Gesicht die Angst hat und wie man ihr begegnet. Ein tolles Interview! Unbedingt lesen!

1. Warum interessieren dich Hochsensibilität und psychische Erkrankungen, speziell Depression?

Weil ich selbst davon betroffen bin. Mein Gehirn ist wie ein wilder Garten, in dem zwischen all den schönen Kreativpflanzen leider auch ein paar hübsch hässliche Hirnkrämpfe wachsen. PTBS, Borderline, Depressionen, unter anderem. In meinem Fall lassen die sich nicht so einfach chemisch behandeln und ich muss auf natürliche Weise damit arbeiten und umgehen lernen. Das ist manchmal ganz schön schwer, auch wenn ich über die Jahre ziemlich gute Fortschritte gemacht habe. Ich weiß also, wie es sich anfühlt mit seelischen Erkrankungen zu leben und zudem ständig den Vorurteilen, der Unwissenheit und teilweise auch Empathielosigkeit nicht Betroffener ausgesetzt zu sein. Was das Klarkommen für Menschen wie mich in einer Gesellschaft, die derart auf Selbstoptimierung und Leistung ausgerichtet ist, massiv erschwert. Wir sind keine aufmerksamkeits heischenden Freaks die besonders gerne Mimimi machen und sich absichtlich anstellen, wie manche meinen. Wir sind Menschen, die eine physikalisch nachweisbare, neurologische Erkrankung haben. Manchmal genetisch bedingt, oft auch dadurch dass viele unter uns sehr schlimme Dinge erlebt haben. Wir möchten respektiert und fair behandelt werden, denn wir können nichts dafür, dass wir so sind. Und es entschuldigt sich ja auch niemand dafür z.B. krebskrank zu sein. Psychisch kranke Menschen sind ebenso in Ordnung wie Menschen mit anderen Erkrankungen und genauso wertvoll wie gesunde Menschen.

Hochsensibilität interessiert mich, da sie bei mir diagnostiziert wurde. Was mir sehr hilft, weil ich jetzt endlich weiß, warum ich so schnell von der Außenwelt und anderen Menschen überfordert bin, vor allem von sehr distanzlosen Menschen. Obwohl ich meine Artgenossen größtenteils wirklich sehr mag. Es gibt natürlich zig pseudowissenschaftliche, esoterische Bücher darüber, leider noch zu wenig seriöse Forschung, da diese Diagnose relativ jung ist. Die einzigen zu dem Thema forschenden Wissenschaftler in Deutschland sind, soweit ich weiß, das Team um Dr. Sandra Konrad an der Hamburger Helmut Schmidt Universität der Bundeswehr (https://www.hsu-hh.de/diffpsych/).  Ich sehe Hochsensibilität aber nicht als eine Erkrankung. Im Grunde funktioniert ein hochsensibles Gehirn einfach etwas anders als das herkömmliche, was Vor- und Nachteile hat. Wenn Menschen wie uns die Chance gegeben wird im Rahmen unserer Möglichkeiten zu arbeiten, hat diese Besonderheit eindeutig eine Menge Vorteile. Viele von uns sind die Typen, die euch besonders einfühlsam zuhören & trösten, therapeutisch betreuen und helfen, oder die euch in Filmen, Serien, Games, Songs, Kunstwerken und Büchern ans Herz gehen, euch zum Lachen, zum Weinen und zum Nachdenken bringen.

2. Welches Gesicht hat die Angst?

 

3. Wie kann man Angst verjagen?

Indem man sich ihr soweit wie möglich annähert und stellt. Nicht leichtsinnig, sondern im sicheren Rahmen. Hat man z.B. Angst vor Hunden, sollte man sich nicht gerade mit einem aggressiven Hund konfrontieren, sondern zuallererst einen Welpen kennenlernen und danach einen ausgewachsenen aber freundlichen Hundekollegen. Und,  ganz wichtig, man muss sich anschließend für seinen Mut belohnen! Das funktioniert aber nicht mit jeder Angst. Wenn Ängste auf traumatischen Erlebnissen beruhen, einen nur triggern und eventuell sogar retraumatisieren, ist es vielleicht auch einfach gesünder diese Dinge zu meiden. Je nachdem wie sehr einem die Angst den Alltag erschwert.

4. Warum tut reden gut?

Weil ein Mensch ganz alleine unmöglich so einen schweren Sorgenberg tragen kann. Dafür braucht es mindestens zwei, die sich vertrauen können und gemeinsam anpacken. Zusammen ist man nämlich ganz schön stark und auch wenn man dem anderen nicht alles abnehmen kann, ist es für ihn/sie so wenigstens ein kleines bißchen leichter, und es fühlt sich nicht mehr so hoffnungslos an. Außerdem: Weil wir Rudeltiere sind, die einander brauchen und unser Gehirn dafür gemacht ist, mit anderen zu interagieren und zu kommunizieren. Wir brauchen andere Menschen, um uns vollständig, geliebt und glücklich zu fühlen. Auch wenn wir sie manchmal zum Kotzen finden, uns wie der einsamste Mensch der Welt fühlen und denken, alleine wären wir besser dran. Bullshit. Alleine ist man unglücklich auf Dauer.

 

5. Und was kann man noch machen?

Ich glaube, sehr wichtig ist vor allem Prävention. Das kann im Vorfeld Borderline-Ausbrüche und Depressionen mildern oder sogar verhindern. Nein sagen lernen. Aufhören, sich bis ans Limit zu verausgaben für irgendeinen Arbeitgeber oder für Menschen, die eigentlich keine Freunde sind, die nur von sich hören lassen, wenn sie Trost oder Hilfe bei irgendwas brauchen und keine Zeit für einen haben, sobald man selbst mal in Not gerät.

Die ständige Erreichbarkeit durch Handy und Social Media finde ich auch ehrlich ungesund. Man sollte Freunde und Familie auch mal ein bißchen vermissen dürfen.

An richtig miesen Tagen, wenn es einem so beschissen geht, dass man meint, es würde nie mehr besser werden, hilft es, etwas zu haben, das einen begeistert. Ein Hobby, eine Aufgabe, etwas das einen glücklich macht. Ganz egal wie unerwachsen, schräg oder bescheuert andere das finden mögen. Ich liebe z.B. Astrophysik. Die begeistert mich derart, dass ich alles um mich herum und in mir drin vergesse, sobald ich mich damit beschäftige. Wenn selbst die nicht mehr hilft, ziehe ich mein peinliches, supergemütliches Glitzermuffins mit Grinsegesichter-Tshirt und die gestreifte, viel zu große Wohlfühlhose an, mache mir einen Hafermilchkaffee mit Zimt, esse Kekse und spiele Skyrim auf der Xbox. Das Schöne am Erwachsensein ist doch, dass es einem am Anus vorbei gehen kann, was andere darüber denken. Ich bin 41, ich liebe es Comics zu zeichnen, weirde Figuren zu modellieren, Xbox zu spielen und mir Schiffe im Hamburger Hafen anzugucken. Das hilft mir. Kannste finden, wie de willst. Moin.

Das allerwichtigste und beste Heilmittel sind aber Lieblingsmenschen, die nicht nur Energie rauben sondern auch Kraft geben, die für einen da sind, die Grenzen respektieren und die einen auch dann noch lieb haben, wenn man plötzlich nutzlos für sie wird. Echte Freunde eben.

Und:  Ein guter Therapeut.