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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen

BApK

Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.

Unser Autor Christian hat ein Buch über eine Familie mit einem psychisch erkranktem Angehörigen gelesen:

Eine andere Art von Wahnsinn

Stephen P. Hinshaw berichtet über das Stigma psychisch krank zu sein.

Stephen ist der Sohn des bipolar und schizophren kranken Virgil. Schon mit 16 Jahren sprang dieser 1939 vom Verandadach seines Elternhauses, um so die Welt vor den Faschisten zu retten. Er glaubte, fliegen zu können. Stattdessen landete er für ein halbes Jahr in der Psychiatrie. Noch oft sollte er böse Erfahrung mit der "Irrenanstalt" machen. Und doch schaffte er es, ein angesehener Philosophieprofessor zu werden.

32 Jahre später berichtet Virgil seinem 18-jährigen Sohn Stephen, dem Ich-Erzähler des Buches, von seiner Erkrankung. Erstmals bekommt der junge Medizinstudent Klarheit über die verstörenden Begebenheiten in seiner Kindheit und Jugend. Denn immer wieder gab es Zeiten, in denen der Vater plötzlich über Monate verschwunden war, wie aus dem Nichts rasend jähzornig wurde und sich zu einem völlig anderen Menschen verwandelte.

Das Schlimmste war für Stephen allerdings das Schweigen in der Familie. Um alles in der Welt musste sie vermeiden, dass Andere von der Schande einer psychischen Krankheit erfuhren. Die Eltern schwiegen den Kindern wie auch den Nachbarn gegenüber über die Krankheit. Auch der Verwandschaft gegenüber wurde das Thema möglichst vermieden, auch wenn sie von Virgils Krankheit wussten. Zu groß war die Scham, zu vernichtend wäre das Stigma. Auf Stephens zaghafte Frage, wo sein Dad denn sei, reagierte die Mutter so kurz angebunden, dass er es nur selten noch wagte zu fragen, war sie doch ohnehin schon am Rande der Belastbarkeit angekommen. Er merkte als Kind durchaus, dass etwas nicht stimmte. Er spürte dass Dad keineswegs nur "zur Erholung in Kalifornien" war, wie Mutter ihm antwortete. Doch er merkte eben auch, dass kein Wort darüber geredet werden durfte. Dads Verschwinden und sein immer wieder merkwürdiges Verhalten war ein zutiefst angstbesetztes Tabu. "Um psychische Krankheiten zu verstehen und die enorme Last der Stigmatisierung abzubauen" beschloss Stehpen, Psychiater zu werden. Die Krankheit seines Vaters hat Stephens Persönlichkeit so tief geprägt, dass er selbst ungünstige Verhaltensmuster entwickelte, die ihn bis in die Gegenwart begleiten.

Stephens Erfahrungen sind die Erfahrungen zahlloser Familien. Die Ursache sind fehlende Aufklärung und falsche Vorurteile über psychische Krankheit. Mit seinem Buch hat Stephen P. Hinshaw ein wichtiges Zeichen gesetzt, um am Tabu zu rütteln. Mit seinem persönlichen Beispiel gibt er den Erkrankten sozusagen ein Gesicht und erklärt ausführlich und klar, wie es für ihn war, nicht zu wissen, was mit seinem Vater geschieht und was es für die Familie bedeutet, mit einem dunklen Geheimnis zu leben.

Zu empfehlen ist das Buch für junge Erwachsene ab 16, die erfahren möchten, was das Stigma einer psychischen Erkrankung in der Familie bedeutet. Mancher Leser wird sich auch in Stephen wiederfinden, wenn er selbst mit einem psychisch kranken Elternteil aufgewachsen ist. Insgesamt mag das Buch hier und da etwas langatmig ausfallen, doch es lesenswert als ein persönlicher Einblick in das Leben einer Familie mit psychisch kranken Angehörigen. Mancher Leser wird sich in dem Buch wiederfinden. Denn Stephen P. Hinshaw gelingt es in genialer Weise, den Leser spüren zu lassen, wie es sich als Kind anfühlt, in einer Familie mit einem bleischweren Tabu zu groß zu werden, und was dies besonders mit den Kindern macht. Somit ist das Buch zugleich ein klares Statement für die Solidarität mit psychisch kranken Menschen und ihren Familien.


Stephen P. Hinshaw: Eine andere Art von Wahnsinn. Vom langen Schweigen und Hoffen einer Familie. Übers.: Matthias Reiss. 2., vollständig überarbeitete Auflage. Köln 2019, Psychiatrie-Verlag.