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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen

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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.

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Hamburg, 29. November 2020

Offener Brief an alle Menschen, die Bezug zur Psychiatrie haben, Psychiatrieerfahrene, Angehörige, professionell Tätige, Gesundheits- und Sozialpolitiker

Die Familie- Notnagel der psychiatrischen Versorgung?

Eine Stellungnahme des Landesverbandes Hamburg der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen

Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie haben massive Auswirkungen auf das Leben großer Teile der Bevölkerung. Die Maßnahmen haben Auswirkungen auch auf das Gesundheitssystem. Sie haben ganz erhebliche Auswirkungen auf das psychiatrische Versorgungssystem. Man kann fast von einem partiellen shut down weiter Teile des psychiatrischen Versorgungssystems sprechen. Das wiederum hat Auswirkungen auf psychisch erkrankte Menschen und ihre Familien. Kliniken verhängen flächendeckend Besuchsverbote, psychiatrische Kliniken verbieten ihren Patienten Ausgänge, auch Wochenendausgänge werden untersagt. Es ist somit ein persönlicher Kontakt psychisch erkrankter Menschen zu ihren Familien nicht möglich, der wichtige Kontakt zum sozialen häuslichen Umfeld kann nicht stattfinden. Gruppentherapien werden eingeschränkt oder finden gar nicht statt, Tageskliniken werden geschlossen, Patienten werden vorzeitig aus stationärer Behandlung entlassen oder gar nicht erst aufgenommen. Im ambulanten Bereich entfallen viele Therapien und Angebote zur Tagesstrukturierung, Begleitung zu Ärzten findet nicht mehr statt, aufsuchende Betreuung findet nicht mehr statt. Uns werden die Auswirkungen auf die erkrankten Menschen berichtet: Vielfach entwickeln oder verstärken sich Ängste, Angst vor Ansteckung, allgemeine Daseinsängste, wir hören von Verschlimmerung der Erkrankung, von der Notwendigkeit, die Medikation zu erhöhen, sogar von akuten Krankheitsschüben mit notfallmäßiger Klinikeinweisung. Ganz besonders leiden viele Menschen unter der erzwungenen Isolierung und Vereinsamung. Besonders gravierend ist es, wenn eine WG mit psychisch erkrankten Menschen in Quarantäne gehen muss und keine Außenkontakte haben darf.

Es hat sich gezeigt, dass das psychiatrische Versorgungssystem unter den Bedingungen eines sog. shut down nur eingeschränkt seinen Aufgaben nachkommen kann, viele psychisch erkrankte Menschen werden allein gelassen, bleiben auf sich gestellt. Die sozialpsychiatrischen Dienste wurden seit Jahren ausgedünnt, aufsuchende Krisendienste sind in Deutschland Mangelware. Glücklich, wer in dieser Situation Freunde oder eine helfende Familie hat. In einer Umfrage des Hamburger Angehörigenverbandes berichten Angehörige, wie sie versuchen, die erkrankten Familienmitglieder zu unterstützen. Sie besuchen sie vermehrt, soweit es trotz der Coronamaßnahmen möglich ist, halten verstärkt telefonischen Kontakt, nehmen teilweise sogar erwachsene Kinder wieder bei sich auf, unterstützen bei der Alltagsbewältigung, begleiten zu Ärzten. Angehörige sind vielfach selbst von den wirtschaftlichen Folgen der Maßnahme, von eigenen Ängsten um ihre Gesundheit oder die Zukunft betroffen und müssen mit zuvor unbekannten Sorgen zurechtkommen. In dieser Situation versuchen sie dennoch, ihren erkrankten Familienmitglieder mehr Hilfe und Unterstützung zukommen zu lassen

Die Familie springt also ein und versucht, den Ausfall des Versorgungssystems zumindest abzumildern. Dies sollte für die Psychiatrie, oder besser für die in der Psychiatrie professionell Tätigen aller Berufsgruppen Anlass sein, die Rolle der Familie neu zu bedenken. Natürlich hat nicht jeder psychisch erkrankte Mensch eine Familie, die bereit und in der Lage ist, ihn zu unterstützen. Wenn aber eine solche Familie vorhanden ist, muss gefordert werden, dass die Psychiatrie sich im Interesse ihrer Patienten um eine Kooperation mit der Familie bemüht. Sie muss das Wissen und die oft langjährige Erfahrung der Familie über das erkrankte Familienmitglied akzeptieren und ernst nehmen, sie muss die Bereitschaft der Familie zur Hilfe akzeptieren und unterstützen, sie muss die Leistungen der Familie anerkennen und würdigen. Das gilt jetzt in der Coronapandemie ganz besonders, aber auch in normalen Zeiten sollte das selbstverständlich sein. Es ist kein Geheimnis, dass eine solche Kooperation mit der Familie auch heute, nach mehr als 30 Jahren Bemühung um Etablierung des Trialogs, trotz vieler schöner Reden über den Umgang auf Augenhöhe, noch immer eher die Ausnahme darstellt.

Die Coronapandemie zeigt uns deutlich Grenzen der professionellen Hilfesysteme, nicht nur, aber ganz besonders auch in der Psychiatrie. Dies gemahnt die professionell Tätigen zur Bescheidenheit und fordert von ihnen die Anerkennung des familiären Hilfesystems. Angehörige wollen nicht der Notnagel, die Reservetruppe sein, deren Dienste in Notsituationen, wenn sich niemand sonst kümmern kann, stillschweigend und selbstverständlich zur Verfügung gestellt werden. Angehörige fordern die Anerkennung des familiären Hilfesystems als das vermutlich größte Hilfesystem überhaupt. Angehörige fordern die Bereitschaft, dies System regelhaft zu unterstützen und mit ihm zusammen zu arbeiten, auch in normalen Zeiten. Angehörige fordern Wertschätzung für sich und ihre Leistungen. Angehörige fordern die Bereitschaft aller Beteiligten, die Kräfte der professionell Tätigen und die Kräfte der Familien zu bündeln, um im Geiste gegenseitigen Respekts die psychisch erkrankten Menschen gut zu unterstützen.

Im Namen des gesamten Vorstands gez. Dr. H. J. Meyer, Vorsitzender des Landesverbandes Hamburg der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen


Spenden- u. Beitragskonto: Sparda-Bank Hamburg e.G., IBAN: DE83 2069 0500 0000 6051 07, BIC: GENODEF1S110,

Geschäftsführender Vorstand: Dr.med. Hans Jochim Meyer (Vorsitzender),
Karin Momsen-Wolf (Stellvertretende Vorsitzende),
Imke Meyer (Schriftführerin),
Dr.jur. Lothar Bublitz (Schatzmeister),
Renate Bublitz (Mitglied im geschäftsführenden Vorstand)

Angehörige psychisch erkrankter Menschen
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