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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen

BApK

Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.

In Memoriam Hildegunt Schütt

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen trauert um seine Ehrenvorsitzende, Frau Hildegunt Schütt, die am 1. November 2021 im Alter von 95 Jahren in Bonn verstarb.

Erstmalig kam Frau Schütt mit der Psychiatrie in den 1970er Jahren in Berührung. Als EEG-Assistentin in einer Nervenarztpraxis hatte sie, die eigentlich Musik studiert und später in der Krankenpflege gearbeitet hatte, Einblick in die Unzulänglichkeiten der psychiatrischen Versorgung. Durch die Erkrankung eines ihrer Kinder erlebte sie als Angehörige eine brutale Realität. Die Psychiatrie dieser Zeit – so formulierte es der Psychiater Heinz Häfner — war „moralisch, fachlich und materiell bankrott“. 1970 hatte die Bundesregierung eine Expertenkommission zur Lage der Psychiatrie unter der Leitung der Professoren Häfner und Caspar Kulenkampff einberufen. Die damit eingeleitete Reform kam nur schleppend und gegen viele Widerstände in Gang. Und die Reform war ein Projekt der Psychiatrie-Profis. Die Betroffenen – die Kranken selbst und ihre Angehörigen – hatten darin keine Stimme. Eine der Ersten, die sich damit nicht abfinden wollte, die sich auch von echtem oder vermeintlichem Expertentum nicht einschüchtern ließ, die den angeblichen fachlichen Notwendigkeiten kritischen Verstand und Menschenliebe entgegensetzte, war Hildegunt Schütt. Sie sah sich durch die Aufbruchsstimmung, die seit der Revolte der Studenten von 1968 zu spüren war, ermutigt. Was sollte die Angehörigen hindern, sich zu Wort zu melden und ihre Interessen in den Reformprozess einzubringen?

So kam es 1980 zur Gründung des Vereins „Hilfe für psychisch Kranke e. V.“, eines der ersten Angehörigenvereine in der Bundesrepublik. Damit hatten die Angehörigen ein Forum zur gegenseitigen Unterstützung und Beratung. Zugleich wollte der Verein als Motor zur konkreten Verbesserung der Hilfen vor Ort wirken. Das bedeutete, in Selbsthilfe neue Hilfsangebote zu initiieren, um die Mängel in der Versorgung abzustellen. Ganz persönlich übernahm Hildegunt Schütt die organisatorische und inhaltliche Verantwortung für den Aufbau eines „externen Arbeitstrainings“, eine völlig neue Idee, denn in der Behindertenfürsorge waren die Belange psychisch erkrankter Menschen unbekannt, sie wurden bislang alle in Werkstätten für intelligenzgeminderte Menschen geschickt. Inzwischen verfügt das Angebot über 48 öffentlich geförderte Trainingsplätze. Das „externe Arbeitstraining“ hat aber nicht nur für die Teilnehmenden einen positiven Effekt. Durch die persönliche Ansprache von Arbeitgebern aus den verschiedensten Branchen entstand ein Netzwerk der Hilfe für psychisch Kranke, das sich als höchst wirksam im Kampf gegen Vorurteile und Stigmatisierung erwies.

1982 erschien das Buch „Freispruch der Familie“ von Klaus Dörner, Albrecht Egetmeyer und Konstanze Koenning, das der Angehörigenbewegung in der BRD einen enormen Auftrieb verschaffte. An dem Bemühen, die an verschiedenen Orten in der BRD entstandenen Angehörigeninitiativen und -vereinigungen zusammenzubringen, hatte Hildegunt Schütt einen wesentlichen Anteil. So verwundert es nicht, dass sie bei der Gründung des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker (heute: Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen – BapK - e.V.) 1985 zur ersten Vorsitzenden gewählt wurde und dieses Amt acht Jahre lang innehatte. Danach nahm sie das angetragene Amt der Ehrenvorsitzenden an.

Typisch für Hildegunt Schütt war ihre Fähigkeit, Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammenzuführen und zum gemeinsamen Handeln zu motivieren. Folgerichtig nahm sie 1992 an der Gründungsversammlung des europäischen Verbandes der Familien psychisch erkrankter Menschen – EUFAMI – in Löwen/Belgien teil und unterschrieb die Gründungsurkunde für den BApK.

Für ihre ehrenamtliche Tätigkeit erhielt Hildegunt Schütt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Preis des Rotary Club Bonn (2004), den Rheinische Ehrenpreis für soziales Engagement des Landschaftsverbands Rheinland (2007), den Preis der Else Mayer Stiftung (2011), den Ehrenamtspreis der Bonner CDU in Anerkennung für ihren engagierten ehrenamtlichen Einsatz (2011) und die Sebastian Dani Medaille der SPD-Fraktion im Rat der Stadt Bonn (2014).

Bis ins hohe Alter beteiligte sich Hildegunt Schütt an den Aktivitäten der von ihr gegründeten bzw. initiierten Vereine, hatte für jeden ein offenes Ohr, konnte Rat geben und ermutigen. Erst die Beschränkungen des öffentlichen Lebens durch die Covid-19-Pandemie setzten ihrem Schaffen eine Grenze.

Die Bedeutung von Hildegunt Schütts Wirken für die Familienselbsthilfe Psychiatrie in Deutschland ist kaum zu ermessen. Mit ihrer wachen Aufmerksamkeit, ihrem Mut, ihrer unermüdlichen Schaffenskraft und herzlichen, anteilnehmenden Menschlichkeit hat sie sich für die Sache der Schwächsten in unserer Gesellschaft eingesetzt. Wer das Glück hatte, ihr persönlich zu begegnen, wird ihr gewinnendes Lächeln für immer in seiner Erinnerung bewahren. Sie hat ein enormes Werk geschaffen, das noch Generationen von Menschen in seelischer Not Schutz und Hilfe schenken wird.

Hildegunt Schütt hinterlässt 8 Kinder, 18 Enkelkinder und 13 Urenkel.

Friedrich Leidinger