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BApK

Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.

BApK-Newsletter 05/2020 (2. März)

Trauer um Gudrun Schliebener

Völlig überraschend verstarb am 22. Februar 2020 im Alter von 75 Jahren die Vorsitzende des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK e.V.), Gudrun Schliebener.

Ihr Leben lang trat sie für die Rechte derer ein, die aufgrund ihrer besonderen Verletzlichkeit und Empfindsamkeit leiden und – oft gemeinsam mit ihren Angehörigen – von Stigmatisierung, Ausgrenzung und Marginalisierung betroffen sind. Gudrun Schliebener wollte eigentlich Naturwissenschaftlerin werden, doch die gesellschaftlichen Verhältnisse in der BRD der 1960er Jahre wiesen die junge Mutter aus dem Hörsaal. Um für sich und ihr Kind zu sorgen, nahm sie einen Job in einem Industrieunternehmen an. Sie erlebte die Benachteiligungen, die einer Familie zugemutet wurden, die nicht den gängigen Erwartungen entsprach. Sie engagierte sich in der Kommunalpolitik ihrer Heimatstadt Herford und trat der CDU bei.

Mit ihrer klaren Haltung, ihrem Nonkonformismus und ihrer Parteinahme für die Benachteiligten in der Gesellschaft hätte sie genauso gut eine Heldin der 68er Generation werden können. Mit großer Ernsthaftigkeit nahm sie die berufliche Herausforderung an – sie stieg mit den Jahren in eine verantwortliche Position des Managements auf – und widmete sich zugleich ihren bürgerschaftlichen und politischen Aktivitäten. Sie saß in zahlreichen Gremien, war Mitglied des Kreistags, Vorsitzende des Kreissozialausschusses, hoch geschätzt über alle Parteigrenzen wegen ihres Einsatzes und ihrer ausgewiesenen Kompetenz.

Als Herford vor 40 Jahren zu einem Brennpunkt der Psychiatriereform wurde, sah man sie in der noch jungen Bewegung der Angehörigen. Sie initiierte eine Reihe von gemeindepsychiatrischen Vereinen und begleitete kritisch den Aufbau der ersten Dienste. Maßgeblich trug sie gegen manche Widerstände zur Errichtung einer psychiatrischen Fachabteilung am Klinikum Herford bei. Dem Vorstand des Landesverbandes der Angehörigen in NRW gehörte sie seit seiner Gründung 1993 an, wurde später Landesvorsitzende und 2008 zur Vorsitzenden des Bundesverbandes gewählt.

In ihrem Wirken verband Gudrun Schliebener persönliche Erfahrung, politische Klugheit, Mut und Konfliktfähigkeit mit der Fähigkeit zu Kompromissen. Sie kämpfte gegen Vorurteile bei den professionellen Experten und in der Politik. Sie wollte die Randständigkeit der betroffenen Familien überwinden, nicht als Bittsteller im Sozialstaat auftreten, sondern ihre Rechte als Beteiligte einfordern. Angehöriger sein ist eine passive Eigenschaft, die sich niemand aussuchen kann. Dagegen setzte Gudrun Schliebener den Begriff der „Familienselbsthilfe“, um sichtbar zu machen, welchen Beitrag Eltern, Geschwister, (Ehe-) Partner, andere Verwandte und Freunde im Zusammenleben mit einem psychisch Erkrankten für Zusammenhalt und Sicherheit in der Gesellschaft leisten.

Als Bundesvorsitzende vertrat Gudrun Schliebener den BApK bei Anhörungen zur Gesetzgebung, bei der Erstellung von fachlichen Leitlinien und in vielen sozialpolitischen Initiativen, von denen die wichtigsten hier aufgeführt seien: Sie war stellvertretende Sprecherin des „Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit“, einem Netzwerk von über 115 Verbänden und Institutionen, sie war akkreditierte Vertreterin im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), der über den Leistungsumfang der Krankenkassen entscheidet, sie war die Stimme der Angehörigen im Trialog-Forum der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) und im Verbändedialog des Bundesgesundheitsministeriums zur Weiterentwicklung der psychiatrischen Versorgung, sie arbeitete in der Steuerungsgruppe des Projektes „Wie Wohnen“, einem Kooperationsprojekt der Aktion Psychisch Kranke e. V. (APK), der Charité Berlin, des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf sowie der Universität Hamburg zur Vermeidung von Zwangsmaßnahmen im psychiatrischen Hilfesystem, sie sprach auf dem Armutskongress 2019 in Berlin.

Trotz dieser enormen Fülle von Aufgaben nahm sie weiterhin ihre bürgerschaftlichen Aktivitäten vor Ort ernst – im Verwaltungsrat des Kreisklinikums, in den Vereinen, in der persönlichen Beratung Betroffener und in der Auseinandersetzung mit den Absurditäten und Unzulänglichkeiten der institutionellen Versorgung.

Ihre Sache war der Schutz der Menschenwürde und im Eintreten für diese Sache war sie unermüdlich und schonte sich nicht. Der Tod ereilte sie während einer Dienstreise. Ihre Familie und ihre Freunde hinterlässt sie in tiefem Schmerz. Die Bewegung der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen hat in ihr eine große Fürsprecherin verloren. Die sich für eine menschenwürdige psychiatrische Versorgung in Deutschland einsetzen, haben mit Gudrun Schliebener eine herausragende und hochverdiente Persönlichkeit verloren, die mit ihrer geradlinigen, unerschrockenen Haltung, ihrer Leidenschaft, ihrem Gespür für Gerechtigkeit, ihrem Einsatz für die Rechte der Schwächsten, aber auch mit ihrem Humor und ihrer Fähigkeit zur Selbstironie ein Vorbild gewesen ist.

Dr. med. Friedrich Leidinger
für den Vorstand des BApK e. V.

Nachruf für Gudrun Schliebener

Als Gründungsmitglied und Vorsitzende über acht Jahre im Aufbau des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (FamilienSelbsthilfe Psychiatrie) ist es mir Anliegen und Ehre, zum Tode von Gudrun Schliebener einen kurzen Rückblick auf unsere gemeinsame Arbeit bzw. Zusammenarbeit zu werfen. Zwischen ihrer und meiner Amtszeit liegen 15 Jahre mit vier Vorsitzenden (E. Maß, L. Schmitz-Mohrmann, E. Straub und A. Speidel).

In diesen 23 Jahren seit der Gründung hat sich der Bundesverband zu dem entwickelt, wie es Eva Straub in der „Kerbe“ (Forum Sozialpsychiatrie des Bundesverband der Evangelischen Behindertenhilfe) ausführt: „Angehörige hätten keine Lobby ist ein Spruch von gestern! Sie haben eine aktive, kreative Vertretung durch ihren Bundesverband, durch Landesverbände und die Vereine vor Ort. Und das ist gut so! Noch immer haben Familien, in denen jemand psychisch krank ist, eine große Scheu, sich zu ihrem Schicksal zu bekennen. Ihnen eine Stimme zu verleihen, ihre Lebensleistung ins Bewusstsein aller zu rücken, gehört zu unseren fundamentalen Anliegen. Durch jahrelange beharrliche Arbeit hat sich der Bundesverband einen guten Namen gemacht und ist zu einem gefragten Gesprächspartner in Psychiatrie-Fachkreisen, bei Politikern und Kostenträgern geworden.“

12 Jahre lang hat Gudrun Schliebener die breit angelegten Aufgaben im Vorstand des Landesverbandes NRW und als Vorsitzende im Bundesverband streitbar, mutig und kompetent wahrgenommen.

Im November letzten Jahres saßen wir noch mit Gunda Twardon (Gründungsmitglied im Landesverband NRW und langjährige Stellvertretende Vorsitzende) auf dem Podium bei der Veranstaltung zum 30-jährigen Bestehen des Landesverbandes ApK NRW. Wir hatten verabredet, dass sie im September 2020, an unserer Feier in Bonn, zum 40-jährigen Bestehen unserer Angehörigen-Aktionsgemeinschaft „Hilfe für psychisch Kranke e. V.“ teilnimmt.

Nun können wir uns nur noch verabschieden und uns für ihren unermüdlichen Einsatz bedanken. Aus unserer gemeinsamen Arbeit weiß ich, dass es ihr großer Wunsch war, dass die Angehörigen-Bewegung weiterbesteht und wächst.

Hildegunt Schütt
Ehrenvorsitzende BApK

Beisetzung

Die Beisetzung findet am 13. März um 11 Uhr auf dem Erika-Friedhof in der Vlothoer Straße 82 in 32049 Herford statt.

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