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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen

BApK

Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.

Abstract

„… damit hörte meine durchaus glückliche Kindheit auf!“

Die Geschwister von psychisch erkrankten Menschen dürfen nicht länger übersehen werden

Reinhard Peukert

Eltern, Partner und Kinder psychisch erkrankter Menschen werden erfreulicherweise mehr und mehr wahrgenommen. Demgegenüber liegen die Mitgeschwister noch weitgehend im Aufmerksamkeitsschatten der professionellen Helfer, wobei sie auch in ihrer Familie oft übersehen werden, weil sich alles auf  das erkrankte Kind konzentriert. Nach der Jahrtausendwende gibt es im deutschen Sprachraum vereinzelte Forschungen sowie Diskussionen unter Mitgeschwistern, und erst dann treten die Mitgeschwister mit ihren Problemen aus  dem Schattendasein.

  • Geschwisterbeziehungen gehören zu den engsten und intimsten überhaupt, und keine andere Beziehung währt so lange wie Geschwisterbeziehungen.
  • Die psychische Erkrankung verändert das Leben der Mitgeschwister tiefgreifend: „… damit war meine bis dahin glückliche Kindheit beendet“ (Zitat aus dem Internetforum des Geschwisternetzwerks, vollständiges Zitat im Anhang).    
  • Es gibt Mitgeschwister, die unter der familiären Situation aufgrund der Erkrankung ihrer Schwester oder ihres Bruders massiv leiden, bis hin zu behandlungsbedürftigen Störungen; dies sind vornehmlich jüngere Mitgeschwister, deren erkrankte Schwester oder Bruder älter sind als sie selbst.
  • Auf der anderen Seite gibt es sehr viele Mitgeschwister, deren persönliche Entwicklung von den Erfahrungen profitiert.
  • Dies ist umso bedeutsamer, als neueste Forschungen den präventiven und gesundheitsförderlichen Einfluss von guten Geschwisterbeziehungen bei psychisch Erkrankten nachgewiesen haben.
  • Die Beziehungsgestaltung zwischen den Geschwistern wird vom Verhalten der Eltern mit beeinflusst, aber auch von professionellen Helfern (wobei die Wahrnehmung der Mitgeschwister in der Behandlung und Betreuung nach wie vor eher die Ausnahme darstellt).
  • Die „versorgungspolitische“ Bedeutung der Mitgeschwister selbst und damit der Bemühungen um diese bisher übersehene Gruppe liegt auf der Hand: Mitgeschwister haben nicht allein die oben angesprochene präventiv-gesundheitsförderliche Funktion; die Eltern werden alt und sind irgendwann nicht mehr in der Lage, in wohl- verstandener (und fachlich gewünschter) Wahrnehmung ihrer Angehörigenrolle die Betreuung und Behandlung ihres erkrankten Kindes zu begleiten sowie um das Erleben sozialer Nähe zu ergänzen. Dann können Mitgeschwister diese Leerstelle ausfüllen, zumindest zum Teil.
  • Allerdings ist es alles andere als selbstverständlich, dass die Mitgeschwister diese Funktion übernehmen; was die meisten von ihnen seit der Erkrankung ihrer Schwester oder ihres Bruders erleben mussten (siehe unten), macht ihnen diese Rollenübernahme ausgesprochen schwer, aber nicht unmöglich.

Daraus folgt: Es ist höchste Zeit für die Behandler und Betreuer psychisch erkrankter Menschen, die Mitgeschwister sowohl in ihrer besonderen Problem- und Lebenslage wahrzunehmen als auch in ihrer potentiell hilfreichen Funktion im Behandlungs- und Betreuungsprozess! Da negative Beziehungen zwischen diesen Geschwistern auch negative Folgen für das erkrankte Geschwister haben, verstärkt die Bedeutung der Beachtung auch der Mitgeschwister.

Positive Auswirkungen dürfen bereits bei einer unaufwendigen Berücksichtigung der Mitgeschwister im eigenen Behandlungs- bzw. Betreuungsprozess erwartet werden: zum Beispiel durch Eingehen auf das verstörende Erleben, u.a. mit altersgerechten Informationen dazu; u.a. mit Erklärungen, warum diese oder jene Intervention erforderlich erschien; u.a. durch trösten, wenn sie von Stigmatisierungen in Schule und Freundeskreis berichten etc.  Dies wird voraussichtlich nur einen sehr begrenzten Effekt haben - wenn nicht gleichzeitig Bemühungen um eine positive Beeinflussung der familiären Erfahrungen stattfinden!

Was erleben Mitgeschwister, wenn ihre Schwester oder ihr Bruder psychisch erkranken?

- sie erleben das Leid ihrer Schwester bzw. ihres Bruders mit;

- sie erleben höchst intensiv die familiären Veränderungen, insbesondere das Leiden ihrer Eltern;

- sie empfinden tiefe Helfens-Impulse, ihrem erkrankten Geschwister und den Eltern gegenüber;

- sie müssen die Tatsache aushalten, nur sehr begrenzt hilfreich sein zu können;

- sie müssen befremdliche Reaktionen in ihrem sozialen Umfeld aushalten;

- sie müssen mit einer permanenten Bedrohung leben: jede gefundene Balance in der Familie kann      --jederzeit aus dem Gleichgewicht geraten.  

Mitgeschwister reagieren auf dieses Erleben

- Mit Beginn der Erkrankung sehen sie die gravierenden Veränderungen in der Familie, das löst Nicht-  Verstehen und viele Fragen aus, die unbeantwortet zu tiefgreifenden Verunsicherungen führen;

- nicht nur deshalb reagieren sie sehr häufig mit Rückzug und der Bereitschaft, besonders artig und fügsam zu sein: sie wollen ihre Eltern nicht noch mehr belasten;

- das führt jedoch zu dem Empfinden, in der Familie als Kind nicht gesehen zu werden, und dem Gefühl, ihre eigenen Bedürfnissen und Anliegen spielten in der Familie keine Rolle (mehr);

- im frühen Kindesalter haben sie so gut wie keine Möglichkeit, sich dieser bedrückenden Situation zu entziehen;

- bleibt die Berücksichtigung ihrer schwierigen Situation aus, so führt dies zu massiver - in der Regel uneingestandener -  Wut, die sich (ggf. viele Jahre nach Beginn der Erkrankung) ganz plötzlich und unerwartet in aufmüpfigem bis zu aggressivem Verhalten Bahn bricht.

- bei einigen der Geschwister führt ihre familiäre Situation zu starken Abgrenzungsgefühlen und

-Handlungen den erkrankten Geschwistern sowie den Eltern gegenüber, einschließlich starker Fluchttendenzen, aber

- anderen Geschwistern gelingt es, durch alle Veränderungen hindurch und allen Herausforderungen zum Trotz ihre emotional positive Beziehung zueinander aufrechterhalten.  

- Im Erwachsenenalter werden die Geschwister mit der unausgesprochenen oder expliziten Erwartung der Eltern konfrontiert, sich als ältere (oft auch bereits selbst alte) Geschwister um die Schwester oder den Bruder zu kümmern;

- viele von ihnen sehen sich gedrängt bis gezwungen, diese Erwartung unfreiwillig-freiwillig anzunehmen;

- andere übernehmen dieser Aufgabe sehr gern, insbesondere dann, wenn eine positive Geschwisterbeziehung bis ins Erwachsenenalter aufrecht erhalten werden konnte.

Wie professionelle Helfer und mit deren Hilfe die Familienmitglieder (in der Regel die Eltern) die Persönlichkeitsentwicklung der Mitgeschwister positiv bestärken können, und wie  die Geschwister dabei unterstützt werden können, eine positive Geschwisterbeziehung aufrecht zu erhalten oder wieder zu gewinnen, finden Sie in Kürze auf  dieser Seite. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist der vollständige Text noch nicht zugänglich, wohl aber die Einleitung  sowie die Inhaltsangabe unter Punkt MONOGRAFIE  

ANHANG

Der Beitrag im Geschwisterforum, dem für den Titel die Aussage entnommen wurde: „… damit hörte meine durchaus glückliche Kindheit auf!"

In den wenigen Zeilen schildert eine Schwester ein Erleben, das viele Geschwister teilen.

Bei meiner Schwester wurde vor gut dreißig Jahren eine Schizophrenie diagnostiziert. Im Rückblick hörte damit meine durchaus glückliche Kindheit auf.

Als damals 11jährige habe ich nicht ansatzweise kapiert, was da passiert. Meine große Schwester, zu der ich immer aufgeschaut habe, bei der ich mich geborgen fühlte, ist völlig ausgerastet, sie war wahnsinnig  aggressiv gegenüber meinen Eltern, später auch gegenüber mir, gegenüber allen. Sie hatte eine große Zerstörungswut. Ich bin in der Zeit, in der wir gemeinsam im Haus meiner Eltern lebten aus meinem Zimmer ins Dachgeschoss umgezogen und habe in der Regel nachts die Tür abgeschlossen, aus Angst. Ich zucke nach wie vor zusammen, wenn eine Tür mal etwas lauter ins Schloss fällt.

Meine Eltern waren und sind mit der Krankheit überfordert, wollten das lange nicht wahrhaben und vor allem nichts „nach draußen“ dringen lassen. Es ist müßig zu überlegen, woher das kommt. …

Jetzt, 20 Jahre später, denke ich, ich habe für mich gute Wege gefunden mit unserer Familiengeschichte umgehen zu können. Ich habe in den Jahren viel über die Krankheit gelernt, hatte oft die Hoffnung durch meine erworbenes Wissen meiner Familie helfen zu können, aber musste schmerzlich lernen, dass dazu mehr nötig ist als nur mein Wille.

Das wichtigste für mich war und ist nun Abstand. …. Das führt immer mal wieder zu Schuldgefühlen bei mir.

(Nach einem Telefonat im Büro, das mein Kollege angenommen hat): Jetzt hat es mich im Berufsleben eingeholt, hier fühlte ich mich bisher absolut sicher. Ich denke schon, dass ich gut mit dem Ereignis umgehen werde. Allerdings war ich völlig überrascht, wie urplötzlich alles wieder da war. …. Ob das wohl irgendwann aufhört? Ich weiß nicht …. und irgendwie gehört das alles zu mir und macht mich aus.

Wenn Sie Kontakt mit dem Autor aufnehmen möchten: peukert.geschwister(at)bapk.de