Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen

BApK

Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.

Rat für Familien

Angehörige psychisch Erkrankter erleben es oftmals als sehr entlastend, sich mit anderen Menschen in einer ähnlichen Situation auszutauschen. „Rat für Familien“ möchte einige Hinweise geben, wie sich der Umgang miteinander harmonischer gestalten lässt, man Vorurteilen begegnen und Stigmatisierung entgegentreten kann.

Vom Umgang mit Vorurteilen

Hartnäckige Vorurteile belasten Kranke und Angehörige in hohem Maße. Auch die Darstellung von psychischen Erkrankungen und Erkrankten in einem Teil der Medien verunsichert und ängstigt. Betroffene und Angehörige sollten versuchen, sich davon frei zu machen.

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"Einmal psychisch krank, immer krank“, gehört zu den am meisten verbreiteten Vorurteilen. Doch kommt es im Gegenteil gar nicht selten vor, dass die Krankheit wieder verschwindet, oder dass die Betroffenen und ihre Familien zumindest gut damit leben können . Außerdem hat es in den letzten Jahrzehnten beachtliche Fortschritte in der Erforschung und bei der Behandlung psychischer Erkrankungen gegeben. Das macht Hoffnung - trotz aller berechtigter Vorbehalte und Risiken auch durch neue Medikamente. Und auch schwer oder chronisch kranke Menschen haben „gesunde Inseln“, die Raum für ein Miteinander lassen.

"Wer psychisch krank ist, ist geistig behindert". Mit diesem Vorurteil - dessen Wiederlegung keineswegs eine Herabsetzung geistig behinderten Menschen sein soll – wurde lange Jahre verhindert, dass Hilfen speziell für die Bedürfnisse von psychisch Kranken entwickelt wurden.

Als „Geisteskranke“ wurden früher alle diese Menschen abgestempelt und im Faschismus zu Tausenden umgebracht. Wir gebrauchen den Begriff „geisteskrank“ heute nicht mehr, sondern sprechen von „psychischer Krankheit“ und „psychisch Kranken“, um den Wandel der Einstellungen und Erkenntnisse zu verdeutlichen.

"Es ist ja nur psychisch ... "

Um ein weiteres Missverständnis auszuräumen: Auf diesen Seiten geht es nicht um kleinere seelische „Durchhänger“, wie jeder sie im Laufe des Lebens immer wieder mal hat, sondern es geht um schwerwiegende Erkrankungen, die tief in das Leben der Betroffenen und ihrer Familien eingreifen.

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Wenn wir über psychische Erkrankungen sprechen oder schreiben, dann ist damit nicht nur ein vorübergehendes Phänomen gemeint, das jeder aus seinem Alltag kennt. Es geht um oft schwere Erkrankungen, die tief in das Leben der Betroffenen und ihrer Familien eingreifen.

Die gute Nachricht zuerst: Es gibt durchaus Fälle, in denen die Krankheit einen positiven Verlauf nimmt, in den Alltag integriert werden kann oder sogar ganz verschwindet. Doch ein vergleichsweise hoher Prozentsatz der Patienten erleidet immer wieder Rückfälle oder bleibt dauerhaft beeinträchtigt. Dies bedeutet: das Leben der betroffenen Familien verläuft anders als erhofft, Pläne und Wünsche bleiben auf der Strecke, alle Beteiligten müssen schmerzliche Anpassungs- und Lernprozesse durchmachen, bis am Ende – vielleicht – ein neues Gleichgewicht hergestellt werden kann.

Dies ist die Erfahrung, die sehr viele Familien und ihre psychisch kranken Mitglieder gemacht haben. Wenn Sie als Angehöriger erst seit kurzem mit psychischer Krankheit konfrontiert sind, werden Sie diese Schilderungen vielleicht deprimierend finden. Möglicherweise sind Sie erleichtert, weil Sie darin Ihr eigenes Erleben wiederfinden und Ihr Leid nicht beschönigt wird. 

  • Wir möchten Information und Verständnis vermitteln, ohne Illusionen zu fördern, und
  • Hilfemöglichkeiten aufzeigen, ohne Probleme zu verschweigen.

 

 

Zwiespalt der Gefühle

Für Angehörige ist die Erkrankung eines geliebten Menschen oft nur sehr schwer auszuhalten. Sie sind einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt, die von Verständnis über Verzweiflung bis zu Frustration und Wut reichen können.  Auch wenn man weiß, dass es die Krankheit ist, die aus dem Verhalten des Anderen spricht, macht es das nicht immer leichter. 

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Es erscheint angebracht, offen über die zwiespältigen Gefühle der Angehörigen dem psychisch erkrankten Menschen gegenüber zu sprechen. Einerseits hat man Verständnis und will ihn schützen, andererseits ist man auch wütend und frustriert, wenn durch das Verhalten des Kranken das ganze Familienleben durcheinander kommt. Zwar weiß man, dass die Krankheit schuld daran ist – trotzdem ist es schwer oder gar nicht auszuhalten. 


Manche Angehörige stellen sich ganz auf die Seite des Kranken und gegen „den Rest der Welt“. Andere  sind so frustriert und entnervt, dass sie den Kranken ausgrenzen. Wieder andere schwanken zwischen Verständnis und Mitleid einerseits, Ablehnung und Zorn andererseits – ein nervenzermürbendes Wechselbad der Gefühle. 

"Mit psychisch Kranken leben, selbstbewusst und solidarisch", das ist das Motte des Bundesverbands der Angehörigen. Er plädiert damit für Lösungen, mit denen sich alle Beteiligten - Erkrankte, Angehörige und das Fachpersonal -  einverstanden erklären. Mit Blick auf den Arzt bedeutet das: Hier haben Sie einen wichtigen Bündnispartner gegen die Krankheit - doch er allein kann Ihnen nicht helfen. Die Erfahrungen viele Angehörigen zeigen: Ihr wichtigster Helfer sind Sie selbst! Deshalb ist es so wichtig, dass Sie sich nicht nur um den Kranken, sondern auch um sich selbst kümmern.

Der erste Schritt zur Selbsthilfe sind Informationen. Wer über eine Krankheit Bescheid weiß, kann besser mit ihr umgehen, ihre Auswirkungen begreifen und bewältigen. Wenn es um die vielen Fragen und Unsicherheiten im täglichen Umgang mit psychisch Kranken geht, ist das „Expertentum“ anderer Angehöriger eine unersetzliche Hilfs- und Informationsquelle. Erkundigen Sie sich, wo in Ihrer Nähe eine Gruppe besteht. Sie kann Ihnen eine große Stütze sein!

Zehn "Regeln" für Angehörige

Es gibt natürlich keine allgemeingültigen Regeln zum "richtigen" Umgang mit psychisch kranken Familienmitgliedern. Jedoch kann es für das gegenseitige Verständnis sehr hilfreich sein, wenn die unter aufgeführten Vorschläge beachtet werden. 

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Fragen zum "richtigen" Umgang mit psychisch kranken Familienmitgliedern sind oft der erste Anlass, wenn sich Ratsuchende an unser Beratungstelefon, an die Landesverbände der Angehörigen oder örtliche Selbsthilfegruppen wenden. Von einem solchen Gespräch sollte niemand eine einfache Formel zur Lösung seines Problems erwarten; aber er kann von den Erfahrungen profitieren, die andere in ähnlichen Situationen gemacht haben. Im Folgenden haben wir die wichtigsten dieser Angehörigen-Erfahrungen zu zehn Grundregeln zusammengefasst.

Sie sehen einfach aus, aber es ist in der Realität meist ganz schön schwierig, ihnen zu folgen. Dennoch lohnt sich die Mühe, denn für Sie, Ihren erkrankten Angehörigen und Ihre Familie steht viel auf dem Spiel. Durch Ihr Verhalten können Sie dazu beitragen, Stress und Streit in der Familie zu vermeiden und für ein entspannteres Miteinander zu sorgen.

  1. Beschränken Sie sich auf die wichtigsten Dinge und sehen Sie über manches Verhaltensproblem erst einmal hinweg. Setzen Sie Prioritäten!
  2. Lassen Sie den Patienten in Ruhe – zu viel Fürsorge tut weder ihm noch Ihnen gut. Behüten und umsorgen Sie ihn nicht über Gebühr und lassen Sie ihm so viel Selbstständigkeit wie möglich. Geben Sie ihm aber zu verstehen, dass Sie für ihn da sind, wenn er Sie braucht.
  3. Geben Sie sich und dem Patienten Zeit, vor allem nach einer akuten Phase der Erkrankung. Warten Sie nicht ungeduldig auf "den großen Sprung nach vorn", sondern fördern Sie die kleinen Schritte und freuen sich an ihnen.
  4. Passen Sie Ihre Erwartungen und Anforderungen der Situation an, vermeiden Sie Überstimulierung und Überforderung.
  5. Wenn Sie etwas erreichen wollen (zum Beispiel Aufräumen des Zimmers), überlegen Sie vorher, wie Sie am Geschicktesten vorgehen und warten Sie den geeigneten Zeitpunkt ab. Drücken Sie sich klar und sachlich aus. Wenn Sie ärgerlich oder mit direktem Druck vorgehen, verringern Sie die Chance, dass Sie Ihr Ziel erreichen und schaffen sich zusätzlichen Stress.
  6. Bedenken Sie, dass die Symptome der Erkrankung nicht Ausdruck von bösem Willen sind, sondern ein Versuch, mit gestörten Erlebnisweisen fertig zu werden.
  7. Bedenken Sie auch, dass der Patient sich selbst in der Krankheit gesunde Anteile bewahrt und helfen Sie ihm, diese gesunden Anteile zu stärken und zu entwickeln.
  8. Bemühen Sie sich um eine gelassene Lebenshaltung – auch wenn es manchmal schwer fällt. Arbeiten Sie daran, Konflikte und Spannungen in der Familie abzubauen Fragen Sie sich, ob es Ihnen weiter hilft, wenn Sie in die Luft gehen oder ihrem Frust freien Lauf lassen.
  9. Nehmen Sie eine wohlüberlegte Haltung zu Medikamenten ein. In vielen Fällen sind sie nötig und hilfreich, zum Teil auch über längere Zeiträume. Die Einnahme ist im Prinzip Sache des Patienten und seines Arztes. Sie selbst können den Patienten gegebenenfalls auf Medikamente hinweisen, sollten aber vermeiden, sich total verantwortlich zu fühlen für ihre Einnahme oder Druck auszuüben.
  10. Und schließlich: Sorgen Sie gut für sich selbst! Gehen Sie sorgsam mit Ihren Kräften um, pflegen Sie Kontakte und Hobbys und gönnen Sie sich auch mal etwas Gutes.