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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen

BApK

Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.

  • Stellungnahmen


Stellungnahmen - Positionen zur aktuellen Gesundheits- und Sozialpolitik

Ganz gleich, ob es um laufende Gesetzgebungsverfahren, ihre Umsetzung oder Defizite in der Versorgung psychisch kranker Menschen geht – die Familien-Selbsthilfe Psychiatrie, Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. bezieht Position.

Um es vorweg zu sagen: Es ist für einen ganz überwiegend ehrenamtlich tätigen Verein nicht immer leicht, im Konzert der starken gesundheitspolitischen Interessensvertreter der Lobby für Familien mit psychisch kranken Menschen eine gewichtige und wahrnehmbare Stimme zu geben. Es erfordert – neben dem Expertentum aus eigener Erfahrung – in großem Maße Wissen und Zeit, Kraft und die Fähigkeit zur Arbeit in Netzwerken.

Deshalb sind aktive Mitstreiter stets sehr willkommen. Alle Interessierten haben hier die Möglichkeit, sich einen Eindruck über aktuelle Themen in der psychiatrischen Versorgung und die Meinungen der Familien-Selbsthilfe Psychiatrie zu verschaffen.    

Gemeinsamer Bundesausschuss
Postfach 12 06 06
10596 Berlin

Beschlussentwurf des Gemeinsamen Bundesausschusses über eine Personalausstattungs-Richtlinie Psychiatrie und Psychosomatik vom 08.05.2019

Allgemeines:

Der BApK begrüßt die Anerkennung des PsychVVG als Grundlage für eine auskömmliche Personalausstattung in Psychiatrie und Psychosomatik.

Jedoch ist auch deutlich, dass die derzeitige Personalausstattung nicht ausreichend ist. Der BApK bedauert, dass die Ergebnisse der sogenannten „PPP-Studie“ nicht verfügbar sein sollen und bittet den G-BA, schnellstens dafür zu sorgen, dass diese Ergebnisse der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.

Wiederholt hat der BApK gefordert, dass eine rasche und lückenlose Bestandsaufnahme der Situa-tion in psychiatrischen Kliniken erfolgen muss. Immer wieder auftauchende erschütternde Beispiele wie die Wallraff-Sendung vom 18.03.2019 sprechen dafür, dass immer noch Missstände herrschen, für die eine zu geringe Personalausstattung aus unserer Sicht wesentlich mitverantwortlich ist.

Wir begrüßen ausdrücklich eine externe Kontrolle der Personalausstattung. Personalstellen für psychisch kranke Menschen dürfen nicht zur Quersubventionierung oder zur Profitmaximierung „abgezweigt“ werden.

Die nahezu 30 Jahre alten Psych-PV-Werte zur Minimalausstattung zu erklären und davon auszugehen, dass eine – auch erst in mehreren Jahren zu erreichende – Erfüllung dieser Vorgabe für die Versorgung ausreichen könnte, ist in hohem Masse irreführend. Über eine zusätzliche Regelung, die wir dem Entwurf über die zu allgemeinen Formulierungen des § 2 hinaus nicht entnehmen können, ist sicherzustellen, dass die Regelausstattung der psychiatrischen Stationen mit Personal deutlich höher sichergestellt werden muss als die hier vorgelegten Mindestvorgaben. Dazu gehört auch ein verbindlich festzulegender Aufschlag für die diversen Ausfallzeiten über krankheitsbedingte Ausfallzeiten hinaus.

Des Weiteren erwarten wir vom G-BA in einem weiteren Prozess die Entwicklung eines neuen Per-sonalbemessungsinstruments, das seinen Namen verdient.

Im Besonderen:

Aus Sicht der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen ist unbedingt sicherzustellen, dass

  • die Besetzung mit ärztlichem, pflegerischem und therapeutischem Personal ausreichend ist, um den Angehörigen auch abends und an Wochenenden hinreichende Auskünfte geben und sie beraten zu können. Die jetzt von uns angetroffene Situation in Kliniken ist diesbezüglich äußerst unbefriedigend. Schon lange ist nachgewiesen (Hoffmann und Rieger 2010), dass bei Personalknappheit auf einer psychiatrischen Akutstation vor allem die Angehörigengespräche unterbleiben.
  • Angebote für Angehörige regelhaft gemacht werden können, die zur Stabilisierung der Patienten und zur Reduzierung von Wiederaufnahmen beitragen, wie z. B. psychoedukative Angebote.
  • die menschenwürdige Begleitung von Fixierungen entsprechend des Bundesverfassungsgerichtsurteils vom 24.07.2018 sicher gewährleistet ist und vorherige, personalintensive Deeskalati-onsmaßnahmen vollständig ausgeschöpft und dokumentiert werden.

    • daher schließen wir uns der Forderung der Patientenvertreter, des Deutschen Pflegerates und der Bundespsychotherapeutenkammer an, dass eine deutliche Erhöhung der Minutenwer-te bei den Ärzten, den Pflegefachpersonen und den Psychologen erfolgen muss. Der vorgelegte Entwurf lässt diesbezüglich nicht erkennen, dass sich der G-BA bereits auf Nachbesserungen geeinigt hätte.
  • durch handlungsorientierte Therapieverfahren die Aktivierung und Wiedererreichung der All-tagsbefähigung der psychisch erkrankten Menschen auf den Stationen und die Unterstützung des Übergangs nach Hause besser stattfinden kann. Es kann nicht länger angehen, all diese Auf-gaben überwiegend ihren Angehörigen zu überlassen, ebenso wenig, dass an den Wochenenden solche Behandlungsverfahren unterbleiben müssen und ein Übungsverlust eintritt.

    • daher unterstützen wir die Forderung der Patientenvertreter nach Aufstockung des fachtherapeutischen Personals (Ergotherapie, Bewegungstherapie, Sozialdienst) entsprechend der Werte der „Schussenrieder Tabelle“.
  • die notfallmäßige Versorgung unserer erkrankten Familienmitglieder jederzeit sichergestellt ist, ohne dass überkommene personalsparende Konzepte wie geschlossene Stationen für den Nachweis einer Pflichtversorgung herhalten müssen und ohne dass sich die Aufnahme-Abläufe für die erkrankten Menschen langwierig oder gar traumatisch gestalten.

    • daher fordern wir eine moderne Definition von Pflichtversorgung, mit Aufschlägen auf die Personalausstattung, orientiert an der Anzahl von Aufnahmen außerhalb der regulären Dienstzeit, die eine ausreichende Personalreserve für die Notfallversorgung garantieren.
  • eine Nachtwachenbesetzung nicht nur minimal definiert wird, sondern so, dass psychisch kranke Menschen nachts nicht sich selbst überlassen sind und jederzeit, d.h. 24 Stunden rund um die Uhr, einen Ansprechpartner finden; es darf nicht geschehen dass z. B. alte Menschen nachts in hilflosen Positionen verharren und viel zu lange auf Hilfe warten müssen.

    • daher schließt sich der BApK der Forderung der Patientenvertreter und des Deutschen Pflegerates an, für die Nachtwachenbesetzung eine Untergrenze von 1,6 anwesenden Kräften für den Bereich G zu definieren und einen Aufschlag für größere Stationen zu bestimmen, und für die anderen Bereiche eine Untergrenze von 1,4 anwesenden Kräften zu definieren. Allerdings geben wir zu bedenken, dass im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit Akutversorgung diese Zahl u. E. zu gering ist, um die nächtliche Aufsicht und Verfügbarkeit sicherzustellen. Hier muss ggfs. eine zusätzliche, flexible Personalreserve verfügbar gemacht werden. Auch ist für alle Patienten bis 22.00 h eine ausreichende personelle Mitarbeiterbesetzung sicherzustellen.
  • die Stationsgrößen verträglich groß definiert werden, um den Patienten eine bessere Orientierung zu geben und Aggressionen untereinander, die nachweislich aufgrund der Gruppengröße zunehmen, zu verhindern und damit neue Traumatisierungen zu vermeiden

    • daher schließen wir uns dem Vorschlag der DKG an, die Minuten-Sockelwerte zu erhalten und nicht, diese (Vorschlag des GKV-SV) auf die Minutenwerte des Pflegepersonals umzurechnen. Letzteres würde einen Fehlanreiz für das Definieren von zu großen Stationseinheiten dar-stellen. Des Weiteren sehen wir kritisch, ob eine Definition der anzustrebenden Stationsgrößen wie vom Deutschen Pflegerat in § 2 (9) und vom GKV-SV und den Patientenvertretern in § 10/12 (1) vorgeschlagen, praktikabel ist; beim letzteren Vorschlag zusätzlich, dass aus der in (2) angekündigten Personalerhöhung bei Überschreitung der Platzzahl nicht ein Fehlanreiz erwächst.
  • die Beziehungskontinuität des Behandlungsteams für die Patienten gewährleistet sein muss, was bedeutet, dass wir einen Zustand großer „Springerpools“ für die Nachsteuerung der Mindest-Personalausstattung unerträglich fänden. Wir befürchten aber, dass eine solche Regelung als Antwort der Kliniken auf die Vorgabe monatlicher bzw., folgt man den vorgeschlagenen Regelun-gen in § 17, sogar tageweiser Erhebungen der Personalausstattung in einer schwankenden Belegung mit Patienten resultieren würde.

  • unnötiger Bürokratieaufwand vermieden wird, der der Zeit für unsere psychisch kranken Familienmitglieder abgeht. Dieser würde entstehen, wenn die Stationen verpflichtet würden, zusätzlich zu dem bereits gestiegenen Aufwand durch die OPS/PEPP-Nachweise fortlaufend entsprechend der Durchschnittsbelegung die Personalbesetzung je Station nachzuhalten.
    • daher schließen wir uns dem Vorschlag an, die Personalausstattung je Station monatlich oder alternativ auch nur quartalsweise zu melden, um eine tagesbezogene bedarfsorientierte Flexi-bilität zu ermöglichen.

Wir begrüßen ausdrücklich die Mitteilungsverpflichtung.

  • eine aufsuchende, stationsäquivalente Behandlung unter Einbeziehung der Angehörigen auch für den Bereich S9 und G9 möglich werden muss. Insbesondere viele gerontopsychiatrische Pati-enten können davon sehr profitieren, wenn die Angehörigen oder das versorgende Umfeld das mittragen.

Gudrun Schliebener

(Vorsitzende)

für den Vorstand

Der BApK wurde 1985 als gemeinnütziger Verband mit Sitz in Bonn gegründet. Sein Ziel ist die Anerkennung und der Schutz der Rechte und Interessen von Familien mit einem an einer schweren psychischen Störung erkrankten Mitglied. Als Dachorganisation der Landesverbände von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen in den Bundesländern unterstützt der BApK die Familien-Selbsthilfe und tritt für Gleichberechtigung und Teilhabe sowohl der psychisch erkrankten Menschen als auch ihrer Familien ein.

BAG Selbsthilfe
z.H. Frau Nicole Kautz, M.A.
Koordinatorin für geschlechtssensible Selbsthilfearbeit
Mariendorfer Damm 159 12107 Berlin

7.5.2019

Stellungnahme und Forderung für Familien mit mindestens einem psychisch erkrankten Elternteil - Komplexe Hilfen in der Lebenswelt sichern!

Sehr geehrte Frau Kautz,

als Angehörige psychisch erkrankter Menschen wissen wir, dass es unmöglich und zum Scheitern verurteilt ist, nur das erkrankte Familienmitglied in den Fokus von Unterstützungsmaßnahmen zu nehmen. Für den Erfolg jedweder Intervention ist die Einbeziehung der gesamten Familie in ihrem sozialen und beruflichen Umfeld unerlässlich.

Für den BApK ist klar: Zum Schutz von Familien gilt die Ausrichtung „Prävention vor Intervention“. Es muss gehandelt werden, ehe die Erkrankung der Eltern bei den Kindern psychische und soziale Folgen zeitigt!

Die psychische Erkrankung von Eltern kann durch Beeinträchtigungen bei der Betreuung und im Erziehungsverhalten, als auch durch Trennungen von den Kindern zu belastenden Auswirkungen führen. Aktuellen Forschungen zufolge, leben ca. 3,8 Millionen Kinder mit diesem psychosozialen Risikofaktor. Es wird beobachtet, dass psychisch erkrankte Eltern häufig an Schuldgefühlen leiden, weil sie ihren Aufgaben als Eltern nicht voll umfänglich und kontinuierlich gerecht werden können. Sie empfinden sich selbst gegenüber ihrer Familie als Belastung. Das hat negative Auswirkungen auf den Verlauf der Erkrankung und ihre Genesung und somit direkt auf die Kinder.

Wesentlich für den Erfolg der unterschiedlichen Unterstützungsangebote für Kinder psychisch erkrankter Eltern ist die übergreifende Zusammenarbeit der Disziplinen Soziale Arbeit (SAB), Medizin/Therapie, Pädagogik, Politik und Verwaltung. Der BApK fordert alle beteiligten Professionellen der stationären als auch ambulanten Hilfesysteme dazu auf, die ganze Familie samt ihres Umfelds in den Blick zu nehmen. Belastungsfaktoren wie Parentifizierung, Tabuisierung, sozialer Rückzug und sozioökonomische Belastungen, wie Arbeitslosigkeit und beengte Wohnverhältnisse mit ihren Auswirkungen auf eine gesunde körperliche wie psychische Entwicklung der Kinder, sind inzwischen in der Literatur hinreichend beschrieben und belegt.
(Mattejat, Fritz; Lisofsky, Beate (Hg.): Nicht von schlechten Eltern. Kinder psychisch Kranker, S. 85/86, BALANCE buch+medien, Köln, 4. Aufl., 2014)
(Wiegand-Grefe, Silke; Mattejat, Fritz; Lenz, Albert (Hg.): Kinder mit psychisch kranken Eltern. Klinik und Forschung, Vanderhoeck & Rupprecht, Göttingen/Oakville U.S.A., 2011)
(Schulze, Ulrike M. E.; Kliegl, Kathrin; Mauser, Christine u. a. (Hg.): ECHT STARK!. Ein Manual für die Arbeit mit Kindern psychisch kranker und suchtkranker Eltern, Springer, Berlin/Heidelberg, 2014)

Wir fordern die verantwortlichen politischen Vertreter*innen deshalb auf, die Finanzierung der kontinuierlichen Vernetzung aller beteiligten Professionen zu sichern. Laut Sachverständigenrat des Gesundheitsministeriums (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheits-wesen: In: 3. Sozioökonomischer Status und Verteilung von Mortalität, Morbidität und Risikofaktoren, Gutachten, Bonn 2005, URL: http://www.svr-gesundheit.de/index.php?id=88) wurde in epidemiologischen Studien dargelegt, dass Personen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status überproportional häufig einen beeinträchtigten Gesundheitszustand und eine geringere Lebenserwartung aufweisen, als Personen mit höherem sozioökonomischem Status. Der Zusammenhang zwischen Ungleichheit von Gesundheitschancen und Armut, ist hierbei nicht zu übersehen. Bei der Entwicklung von Strategien auf dem Gebiet der Prävention und für die Gewährleistung der Wirksamkeit von Interventionen, sollten soziale Unterschiede zwingend berücksichtigt werden. Dies betrifft sowohl Bildung, beruflicher Status, Einkommen (vertikale Merkmale), als auch Alter, Geschlecht, Familienstand, Nationalität, bzw. Migrationshintergrund (horizontale Merkmale). Der Sachverständigenrat leitet aus dem Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Status und Verteilung von Mortalität, Morbidität und Risikofaktoren, die Forderung ab, Gesundheitsberichterstattung und die Berichterstattung über Armut und Reichtum zu verknüpfen. Der BApK unterstützt diese Forderung.

Schon heute zeichnet sich ab, dass die Folgen unterlassener Prävention und unzureichender Unterstützungsmaßnahmen für Familien mit psychischen Belastungen unser Gesundheitssystem finanziell extrem belasten. Es ist also auch aus wirtschaftlichen Gründen dringend angeraten, vorbeugend aktiv zu werden und Unterstützungsangebote passgenau, flächendeckend und leicht zugänglich anzubieten und finanziell zu sichern. Hierzu gehört:

  • Der Austausch der beteiligten Professionen sowie die kontinuierliche Weiterentwicklung und Pflege dieses Netzwerks.

  • Die Sensibilisierung und Qualifizierung von Fachkräften, das Infomieren über die Bedürfnisse und Nöte betroffener Kinder, mögliche Gefährdungen und über mögliche Bewältigungsstrategien und Schutzfaktoren mittels Workshops, Fachtagungen, Inhouseseminaren und weiteren Methoden. (Kliniken, niedergelassene Psychiater*innen, Kinderärzt*innen, Jugendamt, Gesundheitsamt, Hebammen, Lehrkräfte, Betroffenenver-bände, Suchthilfe).

  • Bewährte und evaluierte Gruppenangebote für Kinder und Jugendliche nach Alter und Entwicklungsstand, die ihr Selbstwertgefühl verbessern und ihre Selbstwirksamkeits-erwartung erhöhen.

  • Die Einbeziehung und Beratung der Eltern und Verwandten oder weiteren Personen, die betroffene Familien ehrenamtlich unterstützen.

  • Die Förderung der Selbsthilfe.

  • Unterstützung der Familien in ihrem häuslichen Umfeld.

  • Sicherung der Betreuung der Kinder durch vertraute Bezugspersonen, professionell oder privat, in akuten Krisen und wenn ein Elternteil stationär behandelt werden muss.

  • Die Entwicklung und Durchführung sensibler Maßnahmen zum Auflösen oder Verhindern von Vorurteilen und Diskriminierung betroffener Familien.

  • Die Weiterentwicklung aller Maßnahmen auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Wir bedauern sehr, von den Ministerien als Bundesverband bei diesem sehr wichtigen Thema nicht direkt einbezogen worden zu sein. Nichtsdestotrotz nutzen wir die gerne Gelegenheit, uns zu äußern und bedanken uns für die Übermittlung unserer Einschätzungen und Forderungen an die Politik.

Gudrun Schliebener
Vorsitzende

 

Der BApK wurde 1985 als gemeinnütziger Verband mit Sitz in Bonn gegründet. Sein Ziel ist die Anerkennung und der Schutz der Rechte und Interessen von Familien mit einem an einer schweren psychischen Störung erkrankten Mitglied. Als Dachorganisation der Landesverbände von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen in den Bundesländern unterstützt der BApK die Familien-Selbsthilfe und tritt für Gleichberechtigung und Teilhabe sowohl der psychisch erkrankten Menschen als auch ihrer Familien ein.

Aktion Psychisch Kranke e.V.
z.H. Herrn Krüger
Oppelner Str. 130
53119 Bonn

Dialog zur Weiterentwicklung der Hilfen für psychisch erkrankte Menschen - “Versorgungsbereiche (ambulante, teilstationäre, stationäre Behandlung und medizinische Rehabilitation)“- Handlungsbedarfe und Optionen, Anfrage der APK vom 27.02.2019

7. 5. 2019

Sehr geehrter Herr Krüger,

mit Interesse hat der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK e.V.) von der Projektförderung des BMG zum Thema „Dialog zur Weiterentwicklung der Hilfen für psychisch erkrankte Menschen“ erfahren, deren Organisation der APK übertragen wurde. Wir danken Ihnen, dass wir uns im Rahmen des dreijährigen Projektes mit Expertinnen und Experten sowie Vertretern und Vertreterinnen von Fachverbänden in den Prozess der Weiterentwicklung von Hilfen für psychisch erkrankte Menschen (ambulante, teilstationäre, stationäre Behandlung und medizinische Rehabilitation) unter dem Fokus des SGB V einbringen können, um einen Entwicklungsbedarf aufzuzeigen sowie Formulierungen von Empfehlungen gemeinsam verfassen zu können. Der Bundesverband der Angehörigen Psychisch erkrankter Menschen e.V sieht folgenden Handlungsbedarf und folgende Optionen:

Sicherstellung der Grundversorgung

  • Im SGB V ist die Stärkung der regionalen Gesundheitsversorgung – Bedarfsgerechte Versorgung aufzunehmen: Der BApK wünscht sich eine langfristige Sicherstellung der Gesundheitsversorgung auch in ländlichen und strukturschwachen Regionen. Diese beinhaltet unter anderem eine flächendeckende, bedarfsgerechte und wohnortnahe Versorgung für psychisch erkrankte Menschen und deren Angehörige.

Leistungen der Familie/ Netzwerke

  • Im SGB V muss die Familie als Bezugsgröße eingebracht werden, dies fehlt bisher. Das beinhaltet unter anderem, dem Angehörigen als professionell Tätiger besser zuzuhören. Grund für das Zuhören ist, dass sich Krisen häufig im häuslichen Umfeld entwickeln bzw. dort am ehesten wahrgenommen werden. Angehörige können aus ihrer Erfahrung heraus wichtige Hinweise auf eine sich anbahnende kritische Entwicklung geben, häufig wird ihnen aber im Hilfesystem nicht zugehört. Zusätzlich gibt es immer noch zahlreiche Familien, in denen eine pflegende Person wegen zu geringer Rente in die Grundsicherung abrutscht. Im SGB V ist hierzu bislang kaum etwas verankert, nur die Haushalthilfe, alles andere ist untergesetzlich.
  • Der BApK fordert, dass im SGB V die Leistungen der Familie zu berücksichtigen sind. Dies beinhaltet unter anderem Ausfallleistung, Rehabilitationsleistungen, Beratungsleistungen und eine finanzielle Versorgung der Familienmitglieder, die über lange Zeit aus Gründen der Betreuung und Begleitung des psychisch beeinträchtigten Familienmitglieds nur teilweise oder geringfügig Arbeitsleistungen erbringen konnten.
  • Im SGB V ist die Verpflichtung der Anbieter von Leistungen zur Beteiligung an verbindlich vereinbarten Netzwerken aufzunehmen. Dabei findet auch die Selbsthilfe Berücksichtigung. Als Standard sollen hier die Gemeindepsychiatrischen Verbünde mit ihren Qualitätsstandard gelten.
  • Der § 38 SGB V Haushaltshilfe ist dahingehend anzupassen, dass bei der Beantragung der Haushaltshilfe das Alter des Kindes irrelevant ist (Derzeit darf das zwölfte Lebensjahr noch nicht vollendet sein). Der BApK fordert, die Altersgrenze zu streichen und eine Regelung für Lohnersatz und Haushaltshilfeleistungen (in Analogie zur „Kind krank“ Regelung) zu finden.

Veranlassung von Leistungen

  • Im SGB V müssen die Leistungen der Kliniken wie z.B. integrierte Versorgung, stationsäquivalente Behandlungen und PIA weiter ausgebaut werden.
  • Im SGB V müssen Dokumentationsleistungen verankert werden. Als Beispiel sollten Zwangsmaßnahmen besser dokumentiert werden, da die intensivere Beschäftigung und Bewusstmachung hiermit letztlich auch zu einer Reduzierung von Zwang führt: „Wenn genauer hingeschaut wird, werden öfter Alternativen gesucht“.
  • Im SGB V sind die Veranlassung von Leistungen und Inanspruchnahme von Leistungen für Angehörige von psychisch erkrankten Menschen aufzunehmen. Auch Angehörige bzw. zusammenwohnende Personen von psychisch erkrankten Menschen sollten als Auftraggeber fungieren können, um z.B. Leistungen der Eingliederungshilfe anfordern zu können und z.B. einen Antrag auf ambulant betreutet Wohnen stellen zu können (nicht nur auf Wunsch des zu Behandelnden) oder um z.B. einen Hausbesuch von einem Facharzt veranlassen zu können.

Leistungen zur Teilhabe

  • Der § 2a SGB V – Leistungen an behinderte und chronisch kranke Menschen ist anzupassen, dass insbesondere den Bedürfnissen und Belangen von psychisch erkrankten Menschen Rechnung zu tragen ist. Dies beinhaltet unter anderem die Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben oder Leistungen zur Teilhabe Leben in der Gemeinschaft.

Soziotherapie

  • Der § 37 a Soziotherapie SGB V ist dahingehend anzupassen, dass Betroffene und Angehörige von psychisch erkrankten Menschen eine finanzielle Entlastung erhalten, indem sie von Zuzahlungen befreit werden. Ferner fordert der BApK mit Nachdruck die flächendeckende Umsetzung von Soziotherapie, die mit einer höheren Therapiestundenzahl und möglicher Dauer einhergehen sollte.

Rehabilitation/ Krankenbehandlung

  • § 40 SGB V Rehabilitation: Der BApK fordert, dass durch einen umfassenden Reformprozess das Leistungsgewährungs- und Versorgungssystem so umgestaltet wird, dass die Rehabilitationsdienste und -programme zeitnah für alle Menschen mit psychosozialen Beeinträchtigungen im Sinne mobiler, aufsuchender, begleitender Rehabilitationsleistungen zur Verfügung stehen. Der BApK fordert das Umdenken von der zentrierten Rehabilitation in eine Ambulantisierung sowie eine stetige Begleitung des psychisch erkrankten Menschen und dessen Angehörigen.

Psychoedukation

  • Viele Angehörige wissen mit „Psychiatrie“ und mit psychiatrischen Problemen nicht umzugehen, missdeuten Krankheitsanzeichen als „Schwierigkeiten“ im Verhalten. Angehörige brauchen daher Unterstützung zum besseren Verstehen psychischer Erkrankungen, des Hilfesystems sowie das Erwerben von Kompetenzen zur De-Eskalation und zur Stressbewältigung. Angehörige, die gut über die Erkrankung aufgeklärt wurden, können allein durch ihre alltägliche Hilfe das Risiko für eine neue Krankheitsphase erheblich reduzieren. In der Psychoedukation lernen sie Ursachen und Auswirkungen der Erkrankung kennen. Sie sollen Sicherheit im Umgang mit den Betroffenen bekommen. Angehörige verstehen dadurch besser, warum ihr Familienmitglied sich in bestimmter Art verhält.

Familie als Hauptversorgungsträger

  • Wir weisen darauf hin, dass derzeit Familien nach wie vor der Hauptversorgungsträger von psychisch erkrankten Menschen sind. Die Struktur der Familie ist im Wandel. Aus dem Grund empfehlen wir, im SGB V die Strukturen im ambulanten Bereich auszubauen. Die Angehörigen sind ein wesentlicher Garant dafür, dass Behandlungsleistungen überhaupt in Anspruch genommen werden. Durch die in der Gegenwart gegenüber früher veränderten Familienstrukturen können Unterstützungsleistungen wie z.B. beim Gang zu Ärzten oder Medikamentenmanagement nicht mehr sichergestellt werden. Diese veränderte Lage spiegelt sich noch nicht in der Abdeckung von Leistungen im ambulanten Bereich. Hierfür müssen GKV-finanzierte Leistungen bereitgestellt werden.
  • Ist ein Familienmitglied psychisch krank, belastet das auch die Angehörigen sehr. Angehörige erleben die Auswirkungen der Erkrankung hautnah mit und sind der Belastung täglich ausgesetzt. Angehörige brauchen Entlastung z.B. in Form eines „Hausgastes“. Ein Hausgast könnte eine Person sein, die der/dem Betroffenen zuhause für ein paar Stunden Gesellschaft leistet und während dieser Zeit kann der/die Angehörige eigenen Interessen nachgehen und regenerieren. Dadurch könnte sich ggf. die häusliche Situation entspannen, Konflikte entschärft und Zwang vermieden werden.

Aufsuchende Hilfe

  • Zentrales Problem der Angehörigen ist der erlebte Konflikt zwischen Selbstbestimmung der erkrankten Person einerseits und dem Recht und Anspruch auf Hilfe andererseits. Individuelle Hilfeleistungen müssen unbedingt auch den Sozialraum, das Umfeld und vor allen Dingen die Angehörigen als Mitbetroffene mit einbeziehen. Auch Angehörige müssen das Recht haben, für sich Hilfe einzufordern, nicht nur die erkrankte Person.

Demographischer Wandel

  • Demographischer Wandel- Fachärzte- und Pflegemangel / andere Strukturen: Wir weisen darauf hin, dass uns in Deutschland ein Fachärzte- und Pflegemangel bevorsteht, jetzt schon! Grund dafür ist der doppelte demografische Wandel, den die Bundesärztekammer im Jahr 2017 schon einmal benannt hat. Zusätzlich zu dem Fachärztemangel weist der BApK auf die derzeitigen schwierigen Strukturen im stationären, teilstationären und ambulanten System hin. Es müssen Strukturen gefunden werden, die stationäre, teilstationäre und ambulante Versorgung zu integrieren. Als ein Beispiel ist das Modellprojekt in der Stadt Hamm zu nennen.
  • Der BApK fordert: Es soll Aufgabe des Bundes sein, im Rahmen seiner Möglichkeiten und da, wo es für die Länder nicht zu leisten ist, die Kapazitäten für die Ausbildung von Ärztinnen, Pflegekräften und Angehörigen weiterer Heilberufe zu erweitern. Die bestehenden Hürden zur Aufnahme von Ausbildungen in den Heilberufen, z.B. das Schulgeld bei Ergotherapie, müssen abgeschafft werden. Weiterhin sollte die einzelfallbezogene Koordination als Leistung verankert und vergütet werden. Angehörige, die Leistungen analog erbringen, müssen entsprechend vergütet werden.

Es gibt darüber hinaus viele weitere Mängel, die es zu bearbeiten gilt. Bereits diese kurze Aufzählung mag Ihnen verdeutlichen, dass es Mängel im Versorgungsbereich gibt und aus unserer Sicht Lösungsansätze gefunden werden müssen.

Wir verbinden mit dem Verbändedialog und unserem fachlichen Input den Wunsch nach einer Weiterleitung der Forderungen an die Politik.

 

Gudrun Schliebener
Vorsitzende

 

Der BApK wurde 1985 als gemeinnütziger Verband mit Sitz in Bonn gegründet. Sein Ziel ist die Anerkennung und der Schutz der Rechte und Interessen von Familien mit einem an einer schweren psychischen Störung erkrankten Mitglied. Als Dachorganisation der Landesverbände von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen in den Bundesländern unterstützt der BApK die Familienselbsthilfe und tritt für Gleichberechtigung und Teilhabe sowohl der psychisch erkrankten Menschen als auch ihrer Familien ein.

Stellungnahme des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK) zur RTL-Sendung des "Team Wallraff - Undercover in Psychiatrien und Jugendhilfe“ vom 18. März 2019

Die im o. g. Beitrag gezeigten Bedingungen in den Kliniken Frankfurt (Psychiatrie im Klinikum Frankfurt Höchst), Stuttgart (Furtbach-Krankenhaus), Berlin (Vivantes Klinikum Spandau) und in die Eifel (Case Projekt, Jugendhilfeeinrichtung in Wanderath) sind erschütternd und nicht hinnehmbar.

Die erschreckenden Missstände beginnen bei grober Vernachlässigung, gehen über die zwangsweise Verabreichung von Medikamenten und hören bei der rechtlich zweifelhaften Methode der Fixierung von Patienten lange noch nicht auf.

Verzweifelte und traumatisierte Menschen werden hier zu Opfern von Methoden, die man glaubte, endlich hinter sich gelassen zu haben. Eine fatale Fehleinschätzung!

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Was sich hinter verschlossenen Türen abspielt, verletzt ohne Zweifel den ersten Artikel des Grundgesetzes Das ist nicht zu tolerieren! Überbelegung, veraltete Gebäude und überfordertes Personal produzieren menschenverachtenden Zuständen. Deutschland ist ein reicher Staat – und muss er sich für die hier gezeigten Missstände schämen.

Der BApK fordert:

  • eine rasche und lückenlose Bestandsaufnahme der Situation in psychiatrischen Kliniken
  • die zeitnahe Einleitung von Gegenmaßnahmen. Dazu zählen in erster Linie die Verbesserung der Ausstattung der Kliniken und die Sicherstellung einer ausreichenden Personaldecke auf allen Ebenen
  • Die Achtung von Patientenrechten, die beinhaltet sowohl den Kinder- und Jugendbereich sowie den Erwachsenenbereich.
  • die Installierung von Kontrollprozessen, mit dem Auftrag Missstände aufzudecken und zu dokumentieren
  • konkrete Entscheidungen der politisch Verantwortlichen und Bereitstellung von finanziellen Mitteln.

Psychisch erkrankte Menschen sind in besonderem Maße schutzbedürftig. Ihre persönliche Lage lässt es häufig nicht zu, sich für ihre Rechte selber einzusetzen. Es liegt in der Verantwortung der Politik und der von ihr eingesetzten Behörden, ihre persönlichen Rechte zu wahren und ihre Würde zu schützen.

Gudrun Schliebener

 

Vorsitzende Der BApK wurde 1985 als gemeinnütziger Verband mit Sitz in Bonn gegründet. Sein Ziel ist die Anerkennung und der Schutz der Rechte und Interessen von Familien mit einem an einer schweren psychischen Störung erkrankten Mitglied. Als Dachorganisation der Landesverbände von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen in den Bundesländern unterstützt der BApK die Familienselbsthilfe und tritt für Gleichberechtigung und Teilhabe sowohl der psychisch erkrankten Menschen als auch ihrer Familien ein.

BAG Selbsthilfe e. V.
Herrn Dr. Martin DAnner
Bundesgeschäftsführer
Kirchfeldstraße 149
40215 Düsseldorf

Stellungnahme Rehabilitation Verbandsdienst 16/2019 - Forderungspapier der BAG SELBSTHILFE zur Rehabilitation vom 12.03.02019

 

Sehr geehrter Herr Dr. Danner,

das Forderungspapier zur „Rehabilitation personenzentriert neu gestalten“ wurde vom Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK e.V.) mit Interesse gelesen. Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. begrüßt die Forderungen der BAG Selbsthilfe und gibt folgende Stellungnahme ab.

Krankheiten, Behinderungen und Unfälle können jeden Menschen treffen - oft mit erheblichen Folgen für die Familie, den persönlichen Alltag und den Beruf. Rehabilitation und Leistungen zur Förderung der Teilhabe leisten in dieser schwierigen Situation einen wichtigen Beitrag zur Sicherstellung bzw. Wiederherstellung eines ganzheitlich unbeeinträchtigten Zustandes im Sinne der ICF. Besonders Menschen mit bereits bestehenden Behinderungen sind auf regelmäßige Rehabilitationsleistungen angewiesen. Die Vereinten Nationen haben auf dieses Thema reagiert und in dem Übereinkommen über die Rechte behinderter Menschen, der sog. UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), eine Handlungsanweisung formuliert. Der Artikel 26 der UN-Behindertenrechtskonvention beschreibt die staatliche Pflicht, umfassende Habilitationsangebote sowie Rehabilitationsdienste und –programme, insbesondere auf dem Gebiet der Gesundheit, der Beschäftigung, der Bildung und der Sozialdienste zur Verfügung zu stellen. Behinderten Menschen soll so ein Höchstmaß an Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ermöglicht und die volle Teilhabe an allen Aspekten des Lebens gewährleistet werden.

Vor diesem Hintergrund fordert der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. die Intensivierung von Rehabilitationsangeboten sowie konkrete Maßnahmen zur Umsetzung einer inklusiven Gesellschaft durch den Gesetzgeber. Folgende Punkte sind für den BApK dabei von zentraler Bedeutung:

Rehabilitation für alle Menschen

  • Der BApK fordert einen umfassenden Reformprozess, der das Leistungsgewährungs- und Versorgungssystem so umgestaltet, dass diese Rehabilitationsdienste und -programme zeitnah für alle Menschen mit Beeinträchtigungen zur Verfügung stehen.

  • Der BApK fordert einen offensiv betriebenen Wandel weg von einer zentrierten hin zu einer gleichwertigen ambulanten und mobilen Rehabilitation, sowie eine intensive und bedürfnisorientierte Begleitung psychisch erkrankter Menschen und ihrer Angehörigen.

Rehabilitation - Fachkräfte und finanzielle Rahmenbedingungen

In Hinblick auf den demographischen Wandel ist es erforderlich, qualifizierte Fachkräfte für die Rehabilitation zu gewinnen. Dies betrifft Ärzte, Psychologen, Therapeuten, Sozialarbeiter und Pflegekräfte gleichermaßen.

  • Der BApK fordert die zeitnahe Ausbildung und Neueinstellungen von Fachkräften. Dabei ist darauf zu achten, dass eine ausreichende finanzielle Vergütung für die Fachkräfte vorgesehen wird.

  • Weiterhin fordert der BApK eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die die Attraktivität in den einzelnen Berufsgruppen der Rehabilitation steigert.

Veränderung des Versorgungsystems

Der BApK fordert, dass durch einen umfassenden Reformprozess das Leistungsgewährungs- und Versorgungssystem so umgestaltet wird, dass Rehabilitationsdienste und –programme zeitnah für alle Menschen mit Beeinträchtigungen zur Verfügung stehen und schließt sich hiermit der Forderung der BAG Selbsthilfe an. Des Weiteren mahnt der BApK an,

  • die langen Wartezeiten für die Inanspruchnahme von Rehabilitationsleistungen deutlich zu verkürzen und

  • die Zusammenarbeit zwischen den Schnittstellen der Hilfeangebote zu verbessern. Dabei sollten die professionellen Hilfeangebote untereinander sowie mit der Selbsthilfe kooperieren, um eine passgenaue, optimale und nachhaltige Unterstützung der Betroffenen und ihrer Angehörigen sicherzustellen.

Medizinische Rehabilitation - wohnortnahe Rehabilitation - bedarfsgerechte Versorgung

Als Reaktion auf die Zunahme regionaler Disparitäten in der ambulanten Versorgung hat der Gesetzgeber zum Jahresbeginn 2012 mit dem Gesetz zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-VStG) Maßnahmen – auch die Bedarfsplanung betreffend – ermöglicht, um die wohnortnahe und flächendeckende medizinische Versorgung der Bevölkerung zu sichern. Ziel ist es, die Verteilung der Ärzte zugunsten ländlicher, strukturschwacher Regionen zu verbessern. Leider sehen wir bis heute erhebliche Mängel in der Umsetzung.

  • Der BApK fordert Möglichkeiten einer flächendeckenden, wohnortnahen Rehabilitation, insbesondere durch mobile, d. h. aufsuchende Rehabilitationsangebote.

  • Der BApK erwartet eine netzübergreifende Kommunikation, Interaktion und Kooperation aller Organisationen.

Eingliederungshilfen für Menschen mit (seelischen) Behinderungen

Die Eingliederungshilfe soll Menschen mit Behinderungen zu einem weitgehend selbständigen Leben befähigen. Dazu gehört vor allem eine selbstbestimmte, an den persönlichen Möglichkeiten orientierte Berufswahl und ein möglichst autonom zu bewältigender Alltag. Barrieren, wie z. B. das Ausfüllen eines Antrags, müssen ausgeräumt oder Hilfen zur Überwindung bereitgestellt werden. Die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft muss unbedingt sichergestellt werden.

Der BApK fordert, den Zugang zur Eingliederungshilfe stärker unter dem Aspekt der Barrieren zu betrachten. Dabei müssen verschiedene Themen in den Fokus gerückt werden, wie z. B.:

a) Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben

Die Zahl der Fehltage aufgrund von seelischen Erkrankungen hat sich in den letzten 40 Jahren mehr als verdreifacht. Das bestätigen Analysen der DAK, BKK und Techniker Krankenkasse. Daher ist es wichtig, auch Führungskräfte und Arbeitskollegen über das Thema (seelische) Behinderung zu informieren. Denn auch ein positiver Umgang mit dem Betroffenen, kann zur Gesundung, zur Stärkung seiner Fähigkeiten und zur Selbstbestimmung beitragen.

Für eine gelungene Rehabilitation und eine langfristig erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt ist eine ausreichende, dauerhaft sichergestellte Unterstützung von betrieblichem Gesundheitsmanagement, betrieblichem Eingliederungsmanagement und Qualitätssicherung im Bereich der Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben zwingend notwendig.

b) Leistungen zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft.

a. Wohnraum: Hilfe bei der Beschaffung von Wohnung, Umbaumaßnahmen oder auch bei der Finanzierung einer behindertengerechten Wohnung.

b. Aufklärung über (seelische) Behinderungen: Gesellschaftliche Teilhabe bedeutet auch, der Stigmatisierung durch gezielte Informationsvermittlung entgegenzuwirken.

c. Soziale und kulturelle Teilhabe: Weder finanzielle noch soziale Barrieren dürfen Kinder, Jugendliche und Erwachsen vom gesellschaftlichen Leben ausschließen. Es müssen Ressourcen geschaffen werden, die Inklusion fördern, den Kontakt innerhalb funktionierender Strukturen intensivieren und neue Wege der Begegnung ermöglichen.

Verbesserte Rehabilitationsmöglichkeiten für pflegende Angehörige

Die Pflegestatistik macht deutlich, wie notwendig es ist, dass sich Politik und Gesellschaft stärker als bisher auf Pflegebedürftige und ihre Familien einstellen. Grund dafür ist, dass bis heute ca. drei Viertel der Pflegebedürftigen – 2,59 Millionen – zu Hause betreut werden. Dazu zählen auch Menschen mit seelischer Behinderung. Das seit Januar 2019 in Kraft getretene Pflegepersonalstärkungsgesetz soll nicht nur für das Pflegepersonal, sondern auch für die pflegenden Angehörigen Entlastung bringen.

  • Es muss dafür gesorgt werden, dass Pflegebedürftige und ihre Angehörigen finanziell nicht übermäßig durch die Pflege belastet werden oder gar in Armut leben müssen.
  • Wir benötigen ein nachhaltiges und gerechtes Finanzierungskonzept für die Pflege insbesondere psychisch erkrankter Menschen und deren Angehöriger. Dieses muss auch Steuermittel in die Pflegeversicherung einbeziehen, denn Pflege geht uns alle an und ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Es gibt darüber hinaus viele weitere Mängel, die es zeitnah zu bearbeiten gilt. Bereits diese kurze Aufzählung mag Ihnen verdeutlichen, dass es einige Mängel im Rehabilitationsbereich gibt und aus unserer Sicht Lösungsansätze gefunden werden müssen.

Gudrun Schliebener

Vorsitzende

 

Der BApK wurde 1985 als gemeinnütziger Verband mit Sitz in Bonn gegründet. Sein Ziel ist die Anerkennung und der Schutz der Rechte und Interessen von Familien mit einem an einer schweren psychischen Störung erkrankten Mitglied. Als Dachorganisation der Landesverbände von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen in den Bundesländern unterstützt der BApK die Familienselbsthilfe und tritt für Gleichberechtigung und Teilhabe sowohl der psychisch erkrankten Menschen als auch ihrer Familien ein.

Bundesministerium für Gesundheit
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn
11055 Berlin

 

Sehr geehrter Herr Bundesgesundheitsminister Spahn,

mit großem Interesse hat der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK e.V.) den Gesetzentwurf Ihres Ministeriums für schnellere Termine und eine bessere Versorgung im deutschen Gesundheitssystem - das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) - gelesen und lehnt diesen ab. Unsere Ablehnung des „TSVG“ resultiert aus den weiteren Hürden für Menschen mit seelischer Behinderung sowie deren Angehörigen, die ihnen in einer bereits ohnehin außerordentlich schwierigen und belastenden Situation in den Weg gestellt werden, anstatt diese auszuräumen. Oberstes Ziel der Gesundheitspolitik muss es sein, Hürden zu beseitigen und somit die – psychotherapeutische – Versorgung zu verbessern.

Für uns heißt das, eine zeitnahe und auf die individuelle Situation der Betroffenen abgestimmte Hilfe sicherzustellen. Stattdessen erschwert das geplante Gesetz die jetzt schon im Hinblick auf eine zeitnahe Terminvergabe beim Psychotherapeuten hochproblematische Versorgungssituation zusätzlich und stellt das Gegenteil einer Unterstützung von psychisch erkrankten Menschen und deren Angehörigen dar. Unser Bundesverband lehnt daher die neue Vorgehensweise hinsichtlich der Terminvergabe ab.

Auch Ihrem Vorschlag hinsichtlich einer weiteren, durch den „Gemeinsamen Bundesausschuss“ (G-BA) zu regelnden Terminvergabe, können wir nicht folgen. Drittpersonen - die nicht der Schweigepflicht unterliegen - sollen über die Diagnose von Menschen mit psychischen Erkrankungen informiert werden, und letztendlich darüber entscheiden, ob eine psychotherapeutische Behandlung notwendig ist. Wie kann ein nicht fachkundiges Personal Entscheidungen treffen hinsichtlich der Beschwerden des Patienten und der evtl. Medikamenteneinnahme. Die Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und den Einfluss der Medikamente bezüglich anderer Erkrankungen können diese Nicht-Mediziner gar nicht beurteilen.

Gegen diese Vorwegnahme von Diagnosen durch nicht fachkundiges Personal – die gleichzeitig die Expertise von erfahrenen, gut ausgebildeten Psychologen und -Psychotherapeuten in Frage stellt – erhebt der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e. V. Einspruch. Wir verweisen hier auf eine Entscheidung des Bundesrates, der bereits am 23. November 2018 die „hierarchischen Zuweisungswege in der psychiatrischen Versorgung“ ablehnte. Dringend notwendig erscheint uns allerdings eine rasche Ausweitung des psychiatrischen Sprechstundenangebots – auch und vor allem in bislang unterversorgten ländlichen Regionen, damit Betroffene und ihre Angehörigen zeitnah einen Termin und damit zielführende Hilfe bei dem entsprechenden Fachpersonal erhalten. Der bestehende Mangel an psychotherapeutischen Behandlungsplätzen führt, wie Sie wissen dazu, dass Betroffene monatelang auf eine Richtlinienpsychotherapie warten müssen. Nicht nur für uns ist dies ein unhaltbarer Zustand, dem z. B. durch den Ausbau der psychiatrischen Sprechstunden begegnet werden könnte, würden doch psychisch erkrankte Menschen deutlich schneller ein erstes Gespräch beim Psychotherapeuten erhalten.

Wir möchten Sie daher dringend ersuchen, den Gesetzentwurf aus den oben genannten Gründen zurückzunehmen. Aus unserer Sicht müssen andere Lösungsansätze gefunden werden, um ein bedarfsgerechtes Therapieangebot sicherzustellen. Der Ausbau von psychotherapeutischen Sprechstunden, eine zukunftsweisende Bedarfsplanung, die auch die ländlichen Regionen berücksichtigt, sowie eine schnelle Terminvergabe innerhalb von maximal 2-3 Wochen erscheinen uns dabei unerlässlich, um auf das Leid der Betroffenen und ihrer Angehörigen angemessen zu reagieren. Außerdem ist es unser nachdrücklicher Wunsch, an der Diskussion um derart wichtige Reformen als institutioneller Partner zu einem möglichst frühen Zeitpunkt beteiligt zu werden.

Gudrun Schliebener
Vorsitzende 

Dr. Rüdiger Hannig
stellv. Vorsitzender und Vorsitzender des LV Schleswig-Holstein AFpK

 

Der BApK wurde 1985 als gemeinnütziger Verband mit Sitz in Bonn gegründet. Sein Ziel ist die Anerkennung und der Schutz der Rechte und Interessen von Familien mit einem an einer schweren psychischen Störung erkrankten Mitglied. Als Dachorganisation der Landesverbände von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen den Bundesländern unterstützt der BApK die Familienselbsthilfe und tritt für Gleichberechtigung und Teilhabe sowohl der psychisch erkrankten Menschen als auch ihrer Familien ein.

Bundesministerium für Gesundheit
Herr Bundesgesundheitsminister Jens Spahn
11055 Berlin

 

Sehr geehrter Herr Bundesgesundheitsminister Spahn,

mit Interesse hat der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK) e.V. den Referentenentwurf zur Reform der Psychotherapeutenausbildung gelesen und lehnt diesen ab.

Unsere Ablehnung zu dem oben genannten Referentenentwurf resultiert aus der Nichteinbeziehung der Psychiatriereform in Deutschland in den letzten Jahrzenten sowie der Schlechterstellung von psychisch erkrankten Menschen in Bezug auf die Behandlungssicherheit in diesem Gesetzentwurf. Anstatt Menschen mit seelischer Behinderung und deren Angehörigen zu helfen und sie zu unterstützen, werden weitere Schwierigkeiten geschaffen, die die Betroffenen und ihre Familien überwinden müssen.

Aus der Sicht der von einer psychischen Erkrankung Betroffenen und ihrer Angehörigen sind wesentliche Aspekte - wie die Verordnung von Medikamenten, der Begriff bzw. die Berufsbezeichnung „Psychotherapeut“ oder auch die Versorgung allgemein - unbefriedigend in der Reform thematisiert worden. Es gibt darüber hinaus viele weitere Mängel, die wir in einer erweiterten Stellungnahme konkreter ausführen werden. Wesentliche Punkte sind:

•    Die Verordnung von Medikamenten durch medizinisch nicht umfassend ausgebildete Psychotherapeuten kann eine Gefährdung für die Patienten darstellen. Ein Grund dafür ist, dass die Wirkung der Medikation u. U. nicht sicher eingeschätzt werden kann. Auch mögliche Nebenwirkungen und/oder problematische Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten könnten nicht bedacht werden und so den Patienten gefährden. Es darf nicht sein und ist grob fahrlässig, dass ein 60 Stunden-Kurs ausreichen soll, damit ein „Nicht-Mediziner“,  dem die pharmakologischen, anatomischen und internistischen Kenntnisse eines  langjährigen Medizinstudiums fehlen, Medikamente verschreiben darf. Häufig leiden die Patienten zudem neben ihrer psychischen an verschiedenen somatischen Erkrankungen, die  – so ist unsere Befürchtung – nicht in die Behandlung einbezogen würden. Das Vorhaben, den geplanten Modellstudiengang einzuführen, können wir nur ablehnen.


•    Die neue Begrifflichkeit „Psychotherapeut“ lässt keinen eindeutigen Schluss auf die Grundausbildung zu und führt zu einer Irritation und Verunsicherung des Patienten. Auch dies lehnen wir ab.

•    Die Versorgung von psychisch erkrankten Menschen sehen wir ebenfalls in Gefahr und betrachten dies mit großer Sorge, wenn keine Kooperation in den einzelnen Berufsgruppen innerhalb der Psychotherapeutenausbildung und während ihrer Berufsausübung stattfinden wird.

Bereits diese kurze Aufzählung mag Ihnen verdeutlichen, dass aus unserer Sicht andere Lösungsansätze gefunden werden müssen. Wir verbinden mit der neuen Reform die Erwartung, dass der Ausbau von Kooperationen zwischen unterschiedlichen Berufsgruppen und Organisationen gefördert wird. Auch wünschen wir uns, an derart wichtigen Reformen als institutioneller Partner bereits in diesem frühen Stadium beteiligt zu werden.
               
Gudrun Schliebener        
Vorsitzende            

 

Dr. Rüdiger Hannig
stellv. Vorsitzender und Vorsitzender des LV Schleswig-Holstein

 

Mitunterzeichner
 
Frank Müller                
Vorsitzender Bundesverband für PTBS e.V.
 

Antonia Peters
Vorsitzende Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V.
 

Brigitte Richter
Außenbeauftragte Pandora e.V.

 

 

Der BApK wurde 1985 als gemeinnütziger Verband mit Sitz in Bonn gegründet. Sein Ziel ist die Anerkennung und der Schutz der Rechte und Interessen von Familien mit einem an einer schweren psychischen Störung erkrankten Mitglied. Als Dachorganisation der Landesverbände von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen den Bundesländern unterstützt der BApK die Familienselbsthilfe und tritt für Gleichberechtigung und Teilhabe sowohl der psychisch erkrankten Menschen als auch ihrer Familien ein.

Seit einiger Zeit wird das Thema Hometreatment sehr stark in der Fachwelt diskutiert. Es ist ein innovatives Angebot von psychiatrischen Kliniken oder Gemeindepsychiatrischen Verbünden, bei der das Behandlungsteam psychisch erkrankte Menschen in ihrer gewohnten Umgebung versorgt. Psychiatrische Kliniken sprechen hierbei von einem innovativen Angebot, welches die stationäre Behandlung ersetzen und/oder die Behandlung verkürzen soll. Die Idee Hometreatment als Bestandteil der integrierten Versorgung anzusehen ist ein Vortschritt. Allerdings muss der Fokus des Hometreatments sich auf die besonderen Anliegen der Angehörigen und ihrer erkrankten oder seelische behinderte Familienmitglieder konzentrieren. Dazu gehört die differenzierte Betrachtung der Möglichkeiten des Hometreatments. Es ist zweifelsfrei eine gute Möglichkeit, Betroffene zu erreichen, die allein leben und zu krank für eine stationäre Behandlung sind, sich schwer tun mit Stationsregeln und -Ordnung und wenig soziale Umfeldunterstützung erhalten. Wenn es ein enges soziales Umfeld und auch noch die Unterstützung durch die Familie gibt, ist zu bedenken, dass Angehörige (Eltern, Partner, Geschwister oder Kinder) eines psychisch erkrankten Menschen ebenso von Hometreatments berührt sein können wie die Betroffenen selbst. Zu nennen ist unter anderem die Sorge und die Gefahr, die Verantwortung des professionellen Teams in die Familie zu verlagern, wodurch die Familien noch stärker belastet werden. Eine Belastung erfährt die Familie schon jetzt durch eine unzureichende finanzielle Absicherung pflegender Angehöriger, die besondere berufliche Situation und Doppelbelastung, die eingeschränkte allgemeine Teilhabe am sozialen Leben und die Schwierigkeiten in der Umsetzung der Interessen der Angehörigen gegenüber dem sozialen Hilfesystem und der nach wie vor gegebenen Stigmatisierung. Aufgrund der Sorge bezüglich der Verlagerung der Verantwortung und der Erhöhung der zeitlichen Inanspruchnahme darf das aufsuchende Angebot von dem multiprofessionellen Team nur mit Einwilligung des Patienten und seiner Familie - sofern sie in einem Haushalt zusammenleben - durchgeführt werden. Eine Übereinstimmung von Betroffenen und Angehörigen bezgl. der Behandlung im eigenen häuslichen Umfeld muss gewährleistet sein. Ferner muss die Aufnahme auf freiwilligen Basis und mit dem Einverständnis der Personen erfolgen, die im selben Haushalt leben oder sehr engen Kontakt zu den Betroffenen haben. Eine Entscheidung bezgl. des Hometreatments darf nicht von professioneller Seite allein stattfinden! Es sollten nur Menschen mit psychischen Erkrankungen aufgenommen werden, die aufgrund einer akuten Krise sonst stationär behandlungsbedürftig wären. Ausschlusskriterien sind unserer Meinung nach akute Selbst- oder Fremdgefährdung.

Hometreatment ist eine sehr gute Ergänzung des Behandlungsangebotes und hilft bei der Überwindung der einzelnen Sektoren stationär, teilstationär und ambulant, ist aber bedeutend mehr als die in der Diskussion befindliche Stationsäquivalente Behandlung, sondern umfasst auch soziale Interventionen.

Von C. Trautmann und G. Schliebener      

Die Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK) vertritt als Selbsthilfe-Organisation Familien mit psychisch kranken Menschen auf Bundesebene. Unser Leitbild lautet: Mit psychisch Kranken leben – selbstbewusst und solidarisch. Die Aufgaben sieht der BApK in der Einflussnahme auf Politik und Gesetzgebung, der Förderung und Vernetzung der Aktivitäten der Landesverbände, der kritischen Begleitung der Entwicklungen in Kliniken und Gemeindepsychiatrie, der Information und Beratung des sozialen Umfeld von Menschen mit psychischen Erkrankungen; dies gelingt dem BApK unter anderem mit der Bereitstellung des "SeeleFon“, der Organisation von Tagungen und Seminaren, der Veröffentlichung von Informationsmaterialien, die Familien mit betroffenen Menschen praktische Hilfe und sachliche Informationen geben, der Beteiligung als Mitherausgeber der "Psychosozialen Umschau" und als Mitbetreiber des "Psychiatrienetzes.

Gerade die Einflussnahme auf Politik, in der es um Gesetzesregelungen geht, vertritt der BApK die Rechte der Angehörigen, verfasst Stellungnahmen und gibt Empfehlungen wie z.B. zum psychiatrischen Versorgungssystem, Bundesteilhabegesetz  (BTHG), PEPP und Hometreatment und viele mehr. Andere Themen wie die Forensik/der psychiatrische Maßregelvollzug sind ebenfalls Themenschwerpunkte des BApK und werden mit den einzelnen Landesbeauftragten für Maßregelvollzug der einzelnen Länder diskutiert und durch gemeinsame Tagungen für Angehörige und Fachexperten ausgerichtet.

Wie Sie sehen, ist der BApK in zahlreichen unterschiedlichen Politikfeldern im Bereich der Psychiatrie aktiv und wünscht sich eine weitere Beteiligung in der EU. Menschenrechte, Gesundheit, berufliche Bildung, Jugend, Forschung und Innovation, Entwicklung und Zusammenarbeit  etc. sind wichtige Themen, die sowohl Angehörige von psychisch erkrankten Menschen, als auch Psychiatrieerfahrene betrifft. Alleine der Schwerpunkt Menschenrechte bzw. Menschenrechtsansatz beinhaltet die Gewährleistung der Rechte in der systematischen Praxis, das bedeutet auch, dass die Menschenrechte zu den Grundlagen in der Psychiatrie gehören und dort Anwendung finden sollten. Dies ist aber nicht immer der Fall und müsste in der EU grundlegend diskutiert werden. Die Rechte wie z.B.: 1. „ Das Recht auf Gleichheit vor dem Recht“ ist bis heute in Deutschland diskriminierend. Noch immer haben wir nicht das volle Wahlrecht für Menschen mit Behinderung. Die EU müsste darüber aufklären, wie Sie Menschenrechte von psychisch erkrankten Menschen und die Rechte der Angehörigen wahren. Auch das „Recht auf Gesundheit“ gilt es zu überdenken. Dies ist bis heute nicht wirklich umgesetzt. Es geht um die psychische oder körperliche Gesundheit bei Menschen mit seelischen Behinderungen. Es ist noch immer ungleich schwerer, z.B. bei einer Schizophrenie eine geeignete Psychotherapie zu finden, als bei einem komplizierten Bruch eines Knochens. Das Recht auf Gesundheit gilt übrigens auch für die nahen betreuenden Angehörigen, die zum großen Teil lebenslang erheblichen Belastungen ausgesetzt sind. Auch hier müsste die EU Bericht erstatten und erläutern warum das Recht auf Gesundheit ungleich ausfällt und warum Angehörige keine (finanzielle) Unterstützung erhalten. Das Recht auf Integrität der Person ist ebenfalls kritisch zu analysieren. Wer psychisch krank ist, dessen Integrität ist leichter verletzbarer, weil viele der betroffenen Menschen sich nicht entsprechend wehren können. Sie sind rascher kränkbar, leiden unter unsichtbaren Barrieren. Auch diese Erfahrungen teilen wir mit vielen Betroffenen, dass auch die Integrität von Angehörigen immer mal wieder bezweifelt wird, weil irgendjemand ja Schuld haben muss an der Erkrankung. Auch hier wäre es wünschenswert, wenn die EU auf EU-Ebene Aufklärungsarbeit betreiben würde. Nicht alle Rechte können wir hier auflisten, als letztes Sei kurz das Recht auf Freiheit und würdevoller Behandlung genannt, die in der Psychiatrie nur bedingt vorkommen. Fixierung werden auch in Deutschland an psychisch erkrankten Menschen durchgeführt und stehen stark in Kritik. Zwangsmaßnahmen, unmenschliche und erniedrigende Behandlung dürfen in keinem Land vorkommen. Aber auch hier weisen wir darauf hin, dass auch Angehörige ggf. im schlechten Umgang z.B. durch Kliniken, die Angehörige nicht einbeziehen, sich erniedrigt fühlen können, weil man sie nicht ernst nimmt. Angehörige beanspruchen ebenfalls das Recht auf guten Umgang mit uns und den Verzicht auf jegliche Form von Abwertung. Auch hier sehen wir für die EU Handlungsbedarf, dieses Unterthema zu analysieren und zu sensibilisieren. Weitere  Themenbeispiele, die in der EU beratschlagt werden müssen sind unter anderem das Thema Armut von psychisch erkrankten Menschen zu nennen. Wenn wir uns in der EU umsehen, hat jede sechste Person eine leichte bis schwere Behinderung. Das sind ca. 80 Millionen Menschen. In Deutschland sind es ca. 7 Millionen Menschen, die eine anerkannte Schwerbehinderung haben. Viele davon sind an einer vollen Teilhabe an der Gesellschaft und Arbeitswelt gehindert. Für Menschen mit Behinderung liegt die Armutsquote mit 70% über den Durchschnitt. Vielen Angehörigen sind die  Gründe für die Armutsquote von 70% über den Durchschnitt bewusst, weil Sie selber unter den finanziellen Folgen mitzuleiden haben. Zu nennen ist neben den durch die Erkrankung ausgelösten unmittelbaren materiellen Schäden aber auch über keine Berufsausbildung zu verfügen, den Krankenversicherungsschutz zu verlieren, wenn man sich nicht krankheitsbedingt darum kümmern kann, aber auch unter dem eingeschränkte Zugang zur Arbeitswelt und letztlich der Stigmatisierung  der betroffenen Familien von Menschen mit einer psychischen Erkrankungen durch die Gesellschaft.  Es stellet sich die Frage, wie das Recht auf Leben in der Gesellschaft und das Recht auf Freiheit und der Verzicht auf unmenschliche und erniedrigende Behandlung umgesetzt werden kann, wenn Betroffene und Angehörige, stigmatisiert werden. Die EU müsste darüber aufklären, wie Sie bei der Bekämpfung der Armut von psychisch erkrankten Menschen helfen und einen Beitrag zur Enttabuisierung psychischer Erkrankung leisten kann.

Wie Sie sehen, zeigen die kurz angerissenen Problemfelder die Wichtigkeit mit Bundesselbsthilfeorganisationen wie dem BApK auf EU-Ebene politisch mitdiskutieren und an den Entscheidungen teilhaben zu lassen. Es wäre wünschenswert, wenn eine Absprache zwischen BApK und EU erfolgen könnte und der BApK die Möglichkeiten erhält sich auf europäischer Ebene zu positionieren. 

Prävention/ Migration

Prävention und Gesundheitsförderung werden in einer Gesellschaft mit steigendem Lebensalter sowie multimorbiden und chronischen Erkrankungen immer wichtiger, damit Krankheiten erst gar nicht entstehen oder möglichst kurz verlaufen. Insbesondere bei psychischen Erkrankungen, die mittlerweile zu den häufigsten Erkrankungen in der Gesellschaft zählen, muss präventiv vorgebeugt werden. Dabei sind gesetzliche Regelungen von Vorteil, nach denen Präventionsangebote – auch von der Selbsthilfe - finanziell vom Staat dauerhaft gefördert werden müssen.

Durch den enormen Zuwachs an diagnostizierten psychischen Erkrankungen erhöht sich die Nachfrage nach seriösen und niedrigschwelligen Informationen, nach Unterstützung und Hilfe seitens der betroffenen Menschen und ihrer Angehörigen. Eine kompetente Beratung entlastet Betroffene und Angehörige und kann einer Verschlimmerung und Eskalation im Vorfeld präventiv entgegenwirken. Es können frühzeitig Weichen gestellt werden, um eine zeitnahe und angemessene ambulante oder klinische Behandlung zu sichern.

In diesem Zusammenhang hat der BApK das „Beratungstelefon Seelische Gesundheit – Selbsthilfeberatung und Beratung im Internet (SeeleFon)“ ins Leben gerufen. Es leistet einen wichtigen Beitrag zum Aufbau eines qualifizierten Beratungssystems und ist über die Jahre zu einer tragenden  Säule in der Versorgungslandschaft der Selbsthilfe geworden. Der Informations- und Beratungsbedarf ist ebenso enorm wie die Vielfalt der angesprochenen Themen. Im Ehrenamt stehende Angehörige, Betroffene, aber auch professionelle Helfer suchen Antworten auf die Fragen der Anrufenden und benötigen bei ihrem Engagement Unterstützung. Dabei geht es um Krankheitsbilder, Diagnosen, den Umgang mit schwierigen Verhaltensweisen, Fragen zu Therapien und der Versorgungslandschaft.  Manchmal steht aber auch der Wunsch im Vordergrund, in einem geschützten Rahmen über sehr persönliche Dinge zu sprechen.

Schon bald hat sich das „SeeleFon“ als Erfolg erwiesen. Das Beratungsangebot wird von einer so großen Zahl von Menschen in Anspruch genommen, dass sich der BApK entschlossen hat, das „SeeleFon“ nach Ablauf der Förderung eigenständig zu finanzieren. Jährlich nimmt das Beratungsteam über 2500 Anrufe entgegen. Hinzu kommt die E-Mail-Beratung mit zirka 5000 Anfragen – Tendenz steigend.

Als im Jahr 2015/2016 die massenhafte Flüchtlingsbewegung nach Europa stattgefunden hat, wurde mit Hilfe des BKK Dachverbandes und des BKK Landesverbandes Nordwest im Jahr 2016 das „SeeleFon“ durch das Projekt „Entwicklung eines Unterstützungsangebots für traumatisierte Flüchtlinge (SeeleFon für Flüchtlinge)“ erweitert. Es verfolgt das Ziel, Flüchtlingen mit psychischen Problemen bundesweit mit einem Erste-Hilfe-Angebot zu unterstützen. Seit September 2016 ist das „SeeleFon für Flüchtlinge“ aktiv. Die Beratung wird in den Sprachen Arabisch, Englisch, Französisch und Deutsch angeboten. Das „SeeleFon für Flüchtlinge“ ist von montags bis mittwochs in der Zeit von zehn bis 12 Uhr und von 14 bis 15 Uhr unter der Rufnummer  0228/71002425 erreichbar. Zusätzlich finden Hilfesuchende auf der Seite des BApK in vier Sprachen Informationen zu Hilfeangeboten, Krankheiten und vielem mehr.

Um der Gesellschaft und jedem einzelnen Bürger sowie Migranten und Flüchtlingen weiterhin niederschwellige sowie spezifische zielgruppenorientiere Präventionsangebote anbieten zu können, ist es auch hier erforderlich, dass die Bundesregierung solche essentiellen Angebote finanziell unterstützt. Die Selbsthilfe wird mittlerweile als die vierte stützende Säule des Gesundheitssystems benannt. Der BApK fordert daher eine Gleichstellung der Selbsthilfe mit den anderen Systemen und die finanzielle die Kostenübernahme für die genannten Projekte, damit eine wesentliche Voraussetzung erfolgreicher Prävention entstehen kann.

Kinder von psychisch kranken Eltern

Schätzungsweise wachsen ca. 2- 3 Millionen Kinder bei einem psychisch erkrankten Elternteil in Deutschland auf. Die Erkrankung eines Elternteils stellt eine erhebliche Belastung und ein erhöhtes Risiko für die psychische Entwicklung des Kindes dar; insbesondere dann, wenn die Erkrankung innerhalb der Familie und im Freundeskreis tabuisiert wird und keine kindgerechte Aufklärung bzgl. der psychischen Erkrankung stattfindet sowie keine Unterstützung hinzugezogen werden kann. Um Kindern in dieser schweren Situation zu helfen, ist es unabdingbar, dass Kinder genügend Rückhalt sowohl von der Familie, Freundeskreis, Schule (Lehrpersonal, Schulpsychologe) oder auch den Erziehern (Kindergarten) erhalten. Sie benötigen Vertrauenspersonen, die bereit sind, das Kind altersgerecht aufzuklären und ihm gezielte Hilfemöglichkeiten anzubieten, damit bei dem Kind weder Schuldgefühle noch Desorientierung ausgelöst werden. Auch die Rolle des Kindes innerhalb der Familie sollte Beachtung finden. Oftmals müssen Kinder zu Hause die Erwachsenenrolle übernehmen, wodurch Ihnen ein Stück ihrer Kindheit geraubt wird. Auch die Thematiken „Mobbing“ und Leistungsabfall in der Schule können zu einer sozialen Isolierung und Ausgrenzung des Kindes führen. Es stellen sich folgende Fragen: An welchen Stellen intervenieren wir üblicherweise und wo sollte der eigentliche Ansatz der Intervention liegen? Welche Probleme werden von den Kindern psychisch kranker Eltern genannt? Was wissen Kinder über das Krankheitsbild der Eltern und welche Informationen werden von den Kindern benötigt? Welche Herausforderungen sind bei dem Thema Kinder von psychisch erkrankten Menschen zu beachten?

Der BApK fordert:

1.     Sensibilisierung/ Aufklärung/ Weiterbildung von Fachkräften:

Ärzte, insbesondere Hausärzte und Kinderärzte, sollten sich zu dem Themenfeld „Kinder von psychisch erkrankten Eltern“ in Form von Weiterbildungen und Fachveranstaltungen informieren, um bei Bedarf auf Probleme im Familiensystem des Patienten aufmerksam werden zu können. Ärzte sollten über die Lage von Kindern psychisch kranker Eltern informiert sein, um spezielle Unterstützungsstrukturen wie z.B. die Selbsthilfe, Jugendamt etc. zu vermitteln. Insbesondere bei Ärzten und Pflegern stellt sich die Frage, ob nicht schon in der Curricularen Lehre über das Thema „Psychische Erkrankung und die Sichtweise von Angehörigen“ doziert werden sollte. Dies hätte den Vorteil, dass der Fokus nicht nur auf den Patienten gerichtet wird, sondern auch auf das komplexe System der Familie. Eine Sensibilisierung der „Mediziner“ und „Pfleger“ zu dem Thema „Angehörige von psychisch erkrankten Menschen“ sollte bereits in der „Ausbildung“ stattfinden, wodurch sich der spätere berufliche Praxisbezug zu den Angehörigen positiv verändern würde. Die Einrichtung von Lehrstühlen an Hochschulen zu der Thematik „Angehörige von psychisch erkrankten Menschen“ wird ausdrücklich begrüßt. 

Auch Pädagogen (Lehrer/ Erzieher/ Schulsozialarbeiter, Sozialpädagogen) müssen über das Thema „Psychische Erkrankungen“ aufgeklärt, sensibilisiert und informiert werden. Auch hier empfehlen sich wie unter Punkt 1 der Einbezug in die Lehre sowie Fort- und Weiterbildungen. Erstrebenswert ist zudem die Integration des Themas „Psychische Erkrankung“ in den Lehrplan mit dem Ziel der Aufklärung über und Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen.

2.     (Staatliche) Regelfinanzierung der Selbsthilfeverbände:

Eine weitere Herausforderung ist es, niederschwellige Präventionsangebote in allen Landesverbänden der Selbsthilfe auf dem Gebiet der Psychiatrie und in den Kommunen zu schaffen, die regelfinanziert werden. Das beinhaltet auch, dass Selbsthilfeverbände auf Bundes- und Landesebene genügend finanzielle Absicherungen erhalten, um ihre Angebote weiterhin aufrecht erhalten zu können.

3.     Vernetzung von Akteuren:

Es sollten Netzwerke geschaffen werden, um sich gemeinsam über Strategien oder auch Forschungsprojekte beraten zu lassen wie z.B. die Lage von Kindern psychisch erkrankter Eltern zu verbessern. Dabei geht es um Schnittstellenoptimierung wie z.B. von Bundes- und Landesministerien, Hochschulen und Selbsthilfeverbänden. Es sollten Gespräche in Augenhöhe stattfinden, d.h. von Profi zu Profi. Zudem sollten alle Akteure finanzielle Zuwendungen erhalten.  Weitere Punkte sind unter andere

  • Beratung von Kommunen zum Aufbau von zielgruppenspezifischen Angeboten(dient der Vernetzung, Bedarfsermittlung)
  • Es müssen Kliniken, Ärzte, Beratungsstellen und Selbsthilfe gemeinsam einbezogen werden. Selbsthilfe stellt die vierte Säule des Gesundheitssystems dar und sollte auch von Profis anerkannt sein. Die Selbsthilfe ist ein Partner auf Augenhöhe.  

 

4.     Öffentlichkeitsarbeit/ Aufklärungsmaßnahmen:

Öffentlichkeitsarbeit zu dem Thema „Psychische Erkrankung“ ist essentiell, um einen Beitrag zur Entstigmatisierung leisten zu können. Dabei muss unter anderem das Thema „Kinder von psychisch kranken Eltern“ Gehör in der Gesellschaft finden. Es geht um
a) Abbau von Stigmatisierung (durch Videofilme, Werbeplakate etc.)

b) Informationen zu niederschwelligen Beratungsangeboten

c) Aufklärung bei Profis (Ärzte, Kliniken) aber auch Pädagogen, die Kindern von psychisch kranken Eltern erste Hilfemöglichkeiten bzw. Kontaktstellen auch zur Selbsthilfe geben können (dies beinhaltet auch, dass Informationsmaterialien von Bundes- oder Landesverbänden/ Selbsthilfegruppen in den Kliniken und Schulen gut ersichtlich in Prospektständern ausliegen).

d) Kinder von psychisch kranken Eltern müssen explizit angesprochen werden mit Hilfe von Informationsmaterialien, die die psychische Erkrankung altersgemäß erläutern.

e) Ein weiteres wichtiges Ziel stellt dabei die Präventionsarbeit bzw. Präventionsförderung dar.

5.     Forschung:

Auch die Forschung sollte sich stärker dem Thema „Kinder von psychisch kranken Eltern“ widmen. Dabei geht es um die Bedarfe, die Situation und mögliche Schutzfaktoren für Kinder psychisch kranker Eltern. Auch genaue Kennzahlen bezgl. „wie viele Kinder leben mit einem Elternteil, der psychisch erkrankt ist“ sollten evaluiert erden. Bisher ist die Forschung immer wieder auf Schätzungen angewiesen.

Startschuss für die Gründung zweier neuer deutscher Zentren für Gesundheitsforschung hier: Pressemitteilung des BMBF vom 06.09.2018 Nr. 078/2018


Bundesministerium für Bildung und Forschung
Frau Bundesministerin Anja Karliczek
53175 Bonn

 

Sehr geehrte Frau Ministerin,

mit Interesse hat der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK e.V.) von der Absicht Ihres Ministeriums erfahren, die Forschung im Bereich der Psychischen Gesundheit zu fördern. Damit wird dieser wichtige Bereich der staatlichen Daseinsfürsorge der Forschung im Bereich der Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus und Infektionskrankheiten gleichgestellt.
Mit unserer Zustimmung zu diesem Vorhaben verbinden wir die Erwartung, dass in Verbindung mit der Forschungsförderung im Bereich der psychischen Gesundheit auch den besonderen Gegebenheiten auf diesem Feld Rechnung getragen wird.
Aus der Sicht der von einer psychischen Erkrankung Betroffenen und ihrer Angehörigen sind wesentliche nichtmedizinische Fragestellungen eng und untrennbar mit Problemen der Prävention, Diagnostik, Behandlung und Rehabilitation bei psychischen Erkrankungen verbunden. Die wichtigsten Problemfelder betreffen die Gefahr der Stigmatisierung und sozialen Ausgrenzung sowohl der Betroffenen selbst, als auch mittelbar ihrer Familien, die Gefahr der Verletzung persönlicher Freiheit und weiterer Grundrechte infolge struktureller und organisatorischer Mängel der Versorgungsinstitutionen, mangelhafter Schutz vor Misshandlung und Gewalt, die mangelhafte Umsetzung bereits jetzt in wissenschaftlich valider Qualität vorliegender Erkenntnisse in allen Bereichen der Psychiatrie (z.B. Verfügbarkeit von qualifizierten Krisenhilfen, Verknüpfung von Selbsthilfe und professioneller Hilfe, Vorrang für ambulante Hilfen, Integrierte Versorgung, Sicherstellung sektorenübergreifender Versorgung etc.).
Bereits diese kurze Aufzählung mag Ihnen unser Anliegen verdeutlichen, als institutioneller Partner der Forschungsförderung bereits in diesem frühen Stadium beteiligt zu werden.
Der BApK wurde 1985 als gemeinnütziger Verband mit Sitz in Bonn gegründet. Sein Ziel ist die Anerkennung und der Schutz der Rechte und Interessen von Familien mit einem an einer schweren psychischen Störung erkrankten Mitglied. Als Dachorganisation der Landesverbände von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen in allen Bundesländern unterstützt der BApK die Familienselbsthilfe und tritt für Gleichberechtigung und Teilhabe auch der psychisch erkrankten Menschen und ihrer Familien ein.
Die Entstehung einer organisierten Angehörigenbewegung war die notwendige Konsequenz aus dem bis in die 1970er Jahre andauernden Versagen des Staates, der Wohlfahrtsträger, der Ärzteschaft und auch der medizinischen Wissenschaft, die Folgen und Nachwirkungen der NS-Verbrechen in der Psychiatrie zu überwinden und eine sowohl fachlichen Erkenntnissen, als auch humanen, rechtsstaatlichen und demokratischen Grundsätzen genügende Versorgung psychisch erkrankter Menschen an deren Stelle zu setzen. Der von der Bundesregierung initiierte und koordinierte Reformprozess in der Psychiatrie wurde von organisierten Angehörigen von Anfang an begrüßt und aktiv mitgetragen.
In diesem Zusammenhang ist die institutionalisierte Beteiligung der Angehörigen wie auch der Betroffenen selbst an allen wesentlichen fachlichen Entscheidungsprozessen – ein Dialog dreier Parteien (Betroffene, Angehörige, Fachleute) mit unterschiedlicher Zuständigkeit und gemeinsamer Verantwortung auf Augenhöhe unter der Bezeichnung „Trialog“ - ein wesentliches Qualitätsmerkmal sowohl der psychiatrischen Praxis als auch der wissenschaftlichen Erforschung von Krankheitsursachen und Hilfemöglichkeiten geworden. Die positiven Auswirkungen trialogischer Vorgehensweisen hat das Bundesgesundheitsministerium kürzlich evaluiert: „Das Verhältnis von Angehörigen und Professionellen – Vereinbarung zwischen Kliniken und Angehörigen(-verbänden/ vereinen) zur Regelung der vertraglichen Qualitätssicherung in der Psychiatrie“ (2016/2017), siehe hierzu: https://www.bapk.de/projekte/aktuelle-projekte/qualitaetsmanagement-vereinbarung-von-leitlinien.html.
Diese Erfahrungen bestärken uns in unserer Forderung nach einer qualifizierten Beteiligung der Vertreter der Betroffenen und der Angehörigen an der fachlich-inhaltlichen Ausrichtung der Forschungsprogramme, der Auswahl der zu fördernden Projekte und Studien sowie der Bewertung ihrer Ergebnisse. Dazu sollten geeignete Gremien gebildet und Verfahrensweisen verabredet werden. Konkrete Vorstellungen dazu würden wir Ihnen gerne im persönlichen Gespräch mit Mitgliedern unseres Vorstandes darlegen.

Mit freundlichen Grüßen
Gudrun Schliebener
Vorsitzende

Aufsuchende Angebote im Lebensumfeld durch ambulante Leistungserbringer reduzieren stationäre Behandlungen und erhöhen die Lebensqualität von psychisch erkrankten Menschen und ihren Angehörigen. Das neue Angebot der Stationsäquivalenten Behandlung (StäB) erlaubt es nun auch allen Krankenhäusern mit Pflichtversorgung, Behandlung im Lebensumfeld anzubieten. Für den effektiven Einsatz der neuen Möglichkeiten haben die unterzeichnenden Fachgesellschaften und Verbände Prinzipien einer strukturierten sektorenübergreifenden Zusammenarbeit konsentiert. Dabei steht der betroffene Mensch mit seinem individuellen Behandlungsbedarf und seinem familiären und sozialen Umfeld im Mittelpunkt.

Hintergrund

Internationale Studien belegen, dass Behandlungsformen im Lebensumfeld, wie Home Treatment oder ACT-Teams stationäre Behandlungen und Behandlungszeiten wirksam reduzieren und die Behandlungsbereitschaft und damit die Zufriedenheit bei Patienten und Angehörigen erhöhen können. Zugleich sollte Sorge dafür getragen werden, dass die häusliche Belastung auch der Angehörigen nicht noch weiter anwächst. Auch die S3-Leitlinie „Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen“ gibt eine klare Empfehlung für eine gemeindepsychiatrisch teambasierte, multiprofessionelle ambulante Behandlung ab. Neben der Unterstützung durch die Familie bieten im deutschen Versorgungssystem ambulante Leistungserbringer seit Langem mit hohem Engagement und hoher Professionalität aufsuchende Angebote im Lebensumfeld an. Daran beteiligen sich Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, Fachärzte für Psychiatrie und Neurologie, Fachärzte für Nervenheilkunde, Fachärzte für Psychosomatik und Psychotherapie, ärztliche und psychologische Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, ambulante psychiatrische Pflege, Ergotherapeuten, ambulante Soziotherapie, Anbieter der Eingliederungshilfe und der Sozialpsychiatrischen Dienste sowie Experten aus Erfahrung (EX-IN).

Mit dem Gesetz zur Weiterentwicklung der Versorgung und Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen (PsychVVG) hat der Gesetzgeber mit dem § 115d SGB V psychiatrischen Krankenhäusern mit regionaler Versorgungsverpflichtung sowie Allgemeinkrankenhäusern mit selbstständigen, fachärztlich geleiteten psychiatrischen Abteilungen mit regionaler Versorgungsverpflichtung eingeräumt, an Stelle der vollstationären Behandlung die stationsäquivalente psychiatrische Behandlung (StäB) im Lebensumfeld erbringen zu können. Insbesondere wenn es der Behandlungskontinuität dient oder aus Gründen der Wohnortnähe sachgerecht ist, können ambulante Leistungserbringer mit der Durchführung von Teilen der Behandlung beauftragt werden.

Die Möglichkeit der Erbringung stationsäquivalenter Leistungen im Lebensumfeld des Patienten stellt eine Ergänzung der aktuell bestehenden Versorgung von 3 Menschen mit psychischen Erkrankungen dar. Dabei ist diese Leistung wie die stationäre Behandlung durch einen definierten Beginn und ein definiertes Ende gekennzeichnet. Die Bedingungen der Behandlung im Lebensumfeld, der Behandlungsteams, der Umfang der Patientenkontakte und die Anforderung an die Beauftragung von ambulanten Leistungserbringern sind in einer Vereinbarung zwischen GKV-Spitzenverband, dem Verband der privaten Krankenversicherungen und der Deutschen Krankenhausgesellschaft festgelegt (§ 10).

In vielen Regionen besteht bereits eine gemeindepsychiatrische Kultur der vernetzten Kooperation aller Leistungserbringer, die es ermöglicht, insbesondere Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen und ihren Angehörigen eine wirksame lebensweltorientierte Behandlung und Unterstützung in ihrem gewohnten Lebensumfeld anzubieten. Im Interesse der Hilfesuchenden sollen dabei Doppelstrukturen und Aufspaltungen des Versorgungssystems so weit wie möglich vermieden bzw. abgebaut werden. Zudem ist es möglich bereits bestehende Leistungen von anderen Leistungserbringern in die stationsäquivalente Behandlung einzubinden. Bei der Implementierung der neuen Leistung StäB sollte deshalb die Integration dieses neuen Behandlungsangebots in die bereits bestehende psychiatrisch-psychosoziale Versorgungsstruktur unbedingt berücksichtigt werden.

Ziel dies es Eckpunktepapiers ist es – bei aller Diskussion über die Einführung eines neuen Behandlungselements und die mit den Krankenkassen zu verhandelnde Finanzierung – die eröffnete Chance zu einem solchen Schritt zu nutzen. Um eine gemeinsame Grundlage zur Verständigung jenseits von Leistungsanbietern und Berufsgruppen, über die Grenzen der Sektoren und Versorgungsbereiche hinweg zu ermöglichen, wird vom Bedarf der Patienten ausgegangen. An Stelle einer strukturellen tritt dadurch eine funktionale Beschreibung, die offen lässt, wie die Aufgaben regional bei sehr unterschiedlichen Versorgungsangeboten umgesetzt werden können.

 

Funktionale Beschreibung der Stationsäquivalenten Behandlung (StäB)

Die unterzeichnenden Verbände und Fachgesellschaften haben ausgehend vom Bedarf der Patienten und angelehnt an das Funktionale Basismodell von Steinhart und Wienberg, die verschiedenen Funktionen in Behandlung und Betreuung definiert. Ein entscheidender Vorteil dieses Modells ist die Orientierung an Funktionen ohne die explizite Festlegung, welche Berufsgruppe oder welcher Sektor diese übernehmen können. Die Versorgungsplanung nach diesem Modell wird konsequent aus Sicht des Betroffenen im Kontext seines sozialen Umfelds gedacht. Damit können regionale Versorgungsunterschiede bei den Überlegungen zunächst vernachlässigt werden. Der funktionsbezogene Ansatz ist zudem auch für Angehörige und Betroffene attraktiver, da institutionszentrierte Aspekte für sie nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Die Stationsäquivalente Behandlung kann gut in die funktionale Beschreibung des Versorgungssystems als weitere Funktion eingefügt werden. Da sie aber eine andere Form derakuten Krankenhausbehandlung nach SGB V beschreibt sind hier andere Schwerpunkte zu setzen, als in der längerfristigen begleitenden Behandlung von Menschen mit schweren psychischen Störungen. Von der Feststellung einer akuten psychischen Störung bis zur Entlassung ist in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum eine Vielzahl von Interventionen in hoher Intensität erforderlich.

Eine funktionale Beschreibung des zeitlichen Ablaufs einer stationsäquivalenten Behandlungermöglicht auch die Einbeziehung von ambulanten Leistungserbringern. Dazu wurden Funktionen aus dem Basismodell durch weitere ergänzt.

  1. 1. Aufnahmemanagement
    • Die Initiative zur Klärung der Inanspruchnahme von StäB erfolgt durch den Betroffenen selbst oder das private und/oder (so vorhanden) professionelle Umfeld des Betroffenen (z. B. Angehörige und Freunde, Arzt, Psychotherapeut, Betreuer).
    • Einer Indikation zur stationsäquivalenten Behandlung liegen die gleichen Kriterien zu Grunde, die auch für die Indikation einer vollstationären Behandlung gelten (Kriterien nach Gouzoulis-Mayfrank, Längle, Koch-Stoecker 2016).
    • Die Einweisung mit Empfehlung zu StäB wird durch einen Facharzt oder Psychologischen Psychotherapeuten aus dem Vertragsärztebereich oder aus der Klinik gestellt. Die Indikation für die stationsäquivalente Behandlung wird durch einen Facharzt aus der Klinik gestellt.
    • Die Prüfung alternativer Behandlungsoptionen ist Teil der Indikationsprüfung und sollte immer unter Beteiligung bereits vorhandener ambulanter Ressourcen (z. B. Facharzt/Psychologischer Psychotherapeut, psychosoziale Dienste) erfolgen.Das Aufnahmemanagement erfolgt ortsungebunden durch Mitglieder des StäB-Teams (z. B. in der Wohnung des Betroffenen).
    • Im Rahmen des Aufnahmemanagements muss stets geklärt werden, ob die Wohn- und Lebenssituation (z. B. in stationären Wohneinrichtungen, bei Obdachlosigkeit) des Betroffenen für eine StäB geeignet ist und ob mit ihm lebende Angehörige und andere mit ihm lebende Menschen mit einer solchen einverstanden sind.
    • Alternative Behandlungsräume, z. B. Krisenwohnungen, können eine StäB auch bei Ablehnung durch die mit dem Betroffenen wohnenden Angehörigen oder einer problematischen Wohnsituation des Betroffenen möglich machen.
  2. Berücksichtigung des Umfelds
    • Der ressourcenorientierte Einbezug der Familie und des weiteren sozialen Umfelds (z. B. Offener Dialog oder andere systemische Ansätze) sollte ein Kernelement der StäB darstellen.
    • Kinder und Angehörige, die mit dem Betroffenen zusammenwohnen, bedürfen einer gesonderten Einschätzung und Berücksichtigung des Unterstützungs-/Hilfebedarfs.
    • Angehörige und/oder Freunde sind regelhaft in den therapeutischen Prozess einzubeziehen.
    • Stabilisierungs- bzw. Belastungsfaktoren durch das soziale, familiäre Umfeld sind zu berücksichtigen.
  3. Diagnostik
    • Die klinisch-psychiatrische, psychotherapeutische und somatische Diagnostik erfolgt soweit wie möglich im Lebensumfeld und unter Einbezug der Ressourcen des Krankenhauses (Bildgebung, Labordiagnostik, Elektrophysiologie, Neuropsychologie u. a.).
    • Ein somatisches Monitoring und ggf. eine Behandlung müssen sichergestellt werden.
    • Zur Verlaufsbeurteilung sollten möglichst auch psychometrische Testungen zum Einsatz kommen, die im stationären Setting erfolgt sind.
    • Das psychosoziale Assessment umfasst zunächst die Alltagsdiagnostik im Sinne der Funktionsbereiche des täglichen Lebens: Wohnen, Arbeit, Freizeit, Behandlung. Vorhandene Assessments, z. B. bei Klienten, die sich bereits in einer Maßnahme zur sozialen Teilhabe befinden, sollen berücksichtigt werden.
  4. Therapie
    • Die gemeinsame Definition von Behandlungszielen liegt neben diagnostischen Erkenntnissen der Behandlungsplanung und Informationen vom Betroffenen und aus seinem Umfeld einer bedürfnisorientierten Therapie zu Grunde.
    • Die spezifische Behandlung erfolgt ressourcen- und defizitorientiert durch die Berufsgruppen, die in der OPS für die StäB beschrieben sind.
    • Die Therapie findet in enger Abstimmung zu anderen Behandlungs-, Pflege-, Rehabilitations- und Teilhabeleistungen statt.
    • Wichtige Elemente einer StäB sind die Stabilisierung des Patienten in seinem Lebensumfeld sowie die Förderung der Selbstversorgungs- und Arbeitsfähigkeit und der Teilhabe in der Gesellschaft.
    • Krisen, die in einer StäB auftreten, sollten durch eine Intensivierung der StäB aufgefangen werden. Bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung kann eine vollstationäre Aufnahme notwendig werden, möglichst unter Beibehaltung der Behandlungskontinuität des StäB-Teams.
  5. Planung und Vorbereitung weiterführender Behandlungs-, Rehabilitations- und Teilhabeleistungen
    • Im Sinne einer modernen Rehabilitation ist, vom psychosozialen Assessment ausgehend eine frühzeitige Rehabilitations- und Teilhabeplanung wichtig für eine möglichst nahtlose Ein- oder Weiterführung bedarfsgerechter Hilfen oder Angebote der Rehabilitation.
    • Zentraler Bestandteil einer solchen Planung sollte eine Konferenz unter Beteiligung aller Versorger sein, die schon in die Behandlung und Betreuung eingebunden sind bzw. eingebunden werden sollen.
    • Betroffenen und Angehörigen bzw. Freunden sollte regelhaft die Teilnahme an der Planung ermöglicht werden, sofern dies vom Betroffenen gewünscht ist.
    • Die Entlassplanung sollte wie bei der vollstationären Behandlung gestaffelt erfolgen, mit der Aufnahme beginnen und über den Verlauf angepasst werden.
    • Bei eingetretener Stabilisierung ist eine Entlasskonferenz zur Überleitung in Anschlusstherapien/-hilfen indiziert, um einen möglichst direkten und verbindlichen Übergang in diese zu errreichen.

Zusammenfassung

Stationsäquivalente Behandlung ermöglicht nun auch Kliniken die Behandlung von Menschen mit akuten psychischen Störungen in ihrem Lebensumfeld und kann damit einen wichtigen Bausteinauf dem Weg zur Versorgungsoptimierung darstellen. Dabei haben die unterzeichnenden Verbände Kriterien erarbeitet, welche eine bedarfsgerechte Versorgung des Patienten unabhängig vom Sektor beschreiben, in dem diese Leistung erbracht wird. Zusammenfassend lässt sich festhalten:

  • Die Wirksamkeit von Behandlungsformen im Lebensumfeld ist international ausreichend belegt. Stationäre Behandlungszeiten können damit reduziert und Behandlungsbereitschaft und Patientenzufriedenheit erhöht werden.
  • Kliniken haben nun die Möglichkeit, anstelle der vollstationären Behandlung die stationsäquivalente Behandlung im Lebensumfeld zu erbringen.
  • Bisher erschwerten Schwellen zwischen den Sektoren eine nahtlose Weiterbehandlung eines Patienten bei Änderung des Behandlungssettings.
  • Erfolgt bei der Umsetzung von StäB eine Orientierung ausschließlich am Behandlungsbedarf des Patienten (Funktionen), können Versorgungsstrukturen sowohl aus dem stationären als auch aus dem ambulanten Sektor zum Einsatz kommen.
  • Diese Funktionen werden anhand der Bereiche „Aufnahmemanagement“, „Berücksichtigung des Umfelds“, „Diagnostik“, „Therapie“ sowie „Planung und Vorbereitung weiterführender Behandlungs-, Rehabilitations- und Teilhabeleistungen“ beschrieben.
  • Die Möglichkeiten aufsuchender Behandlung und Betreuung im Lebensumfeld in Kooperation mit den verschiedenen Sektoren müssen so definiert sein, dass durch StäB keine Doppelstrukturen entstehen, sondern die neuen Möglichkeiten effektiv genutzt werden können.
  • Darüber hinaus gilt es die StäB weiterzuentwickeln, so dass bei der Planung und Steuerung der Einbezug aller an der Versorgung Beteiligten gewährleistet ist.

Quellen

  • DGPPN – Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (Hrsg.) (2013) S3-Leitlinie Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen. Berlin: Springer
  • Steinhart I, Wienberg G (Hrsg.) (2016) Rundum ambulant – Funktionales Basismodell psychiatrischer Versorgung in der Gemeinde. Köln: Psychiatrie Verlag
  • Gouzoulis-Mayfrank E, Koch-Stoecker S, Längle G (2016) Kriterien stationärer psychiatrischer Behandlung. Leitfaden für die klinische Praxis. Stuttgart: Kohlhammer

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Gemeinsame Stellungnahme der Landesverbände der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen und des Bundesverbandes der Angehörigen zum Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen (Bundesteilhabegesetz – BTHG) / Referentenentwurf vom 26.04.2016.

Bonn, den 27.06.2016

1.     Die Angehörigen psychisch erkrankter Menschen begrüßen die Absicht des Gesetzgebers mit dem BTHG ein eigenständiges, aus der Sozial- bzw. Eingliederungshilfe gelöstes Leistungsrecht zu schaffen. Die Einhaltung der Kriterien und Anforderungen der UN-Behindertenrechtskonvention unterstützen wir. Eine personen- statt institutionenbezogene Finanzierung von Hilfen zur Teilhabe entspricht dem Wunsch der Betroffenen und Angehörigen. Darüber hinaus begrüßen wir die systematische Integration der Prävention als leistungsrechtliche Aufgabe.

Wir schließen uns der Stellungnahme der Aktion Psychisch Kranke (APK) an und stimmen im Wesentlichen mit den von ihr aufgeführten 12 Punkten: “Fristenregelung“, „Bedarfsermittlungsverfahren“, „Leistungsberechtigter Personenkreis“, „Leistungen zur sozialen Teilhabe“, „Kosten der Unterkunft“, „Verhältnis Pflege -Eingliederungshilfe“, „Zugang zu den Hilfen“, „Teilhabe an Arbeit“, „Soziotherapie“ sowie „Kinder- und Jugendliche“ überein.

Insgesamt halten wir jedoch den Entwurf des BTHG für wesentlich überarbeitungsbedürftig und weisen ihn in der vorgelegten Fassung ab.

2.     Darüber hinaus konzentrieren wir uns auf die besonderen Anliegen der Angehörigen und ihrer erkrankten oder behinderten Familienmitglieder. Wir sehen, dass Eltern, Partner, Geschwister oder Kinder eines psychisch erkrankten Menschen ebenso von fehlender Teilhabe berührt sein können, wie die Betroffenen selbst. Sei es die unzureichende finanzielle Absicherung als pflegender Angehöriger, sei es die besondere berufliche Situation und Doppelbelastung, die eingeschränkte allgemeine Teilhabe am sozialen Leben oder die Schwierigkeiten in der Umsetzung der Interessen der Angehörigen gegenüber dem professionellen Hilfe- und Behandlungssystem.

3.     Wir empfinden im § 99 die Formulierung im Entwurf des Gesetzestextes: “regelmäßig wie­derkehrende und über einen längeren Zeitraum andauernde Unterstützung durch eine anwesende Person“ als missverständlich und sehen die Gefahr, dass diese

Formulierung z.B. einen Sachbearbeiter eines Sozialhilfeträgers zu der Folgerung veranlassen könnte: wenn ein seelisch behinderter Mensch in eigener Wohnung zwar mit Betreuung durch einen ambulanten Dienst aber eben ohne eine ständig anwesende Person leben kann, ist er nicht in seiner Teilhabe eingeschränkt.

4.     Erschwerend kommt hinzu, dass in den Regelungen des Pflegestärkungsgesetz III entsprechend dem neuen Begutachtungs-Assessment psychisch erkrankte Menschen ganz schlecht wegkommen, da deren Kriterien die Probleme dieser Personengruppe nicht abbilden. Zwar soll es einen Bestandsschutz geben für Menschen, welche bereits Leistungen aus der Eingliederungshilfe erhalten, aber bei einer Neu-Feststellung einer Behinderung fallen psychisch Kranke so weitgehend unter den Tisch und erhalten nur geringe oder keine Leistungen. Wenn die 5 Kriterien nach ICF im BTHG nicht erfüllt sind, was dann? Die Anwendung des ICF Schemas halten wir in einem rein mechanistischen Punkte-System aus dem nicht hervorgeht, warum 5 von 9 bzw. 3 von 9 Einschränkungen vorliegen müssen, für exkludierend gegenüber Menschen mit seelischen Behinderungen. Das Gegenteil von Teilhabe wird so erzielt.

5.     Wir teilen die Befürchtungen in der Deklaration des Sachverständigenrates der Ärzteschaft der BAR in seiner 100. Sitzung vom 18.05.2016: „Die Forderung, dass Aktivitäten, die nicht ohne personelle oder technische Unterstützung möglich sind, in einer Mindestzahl an Lebensbereichen auftreten müssen, widerspricht dem Gedanken der ICF und des bio-psycho-sozialen Modells. Es ist nicht nachvollziehbar, dass zwar allgemein die individuelle Betrachtung und die Selbstbestimmung des Betroffenen im Vordergrund stehen (sollen), aber dann „Zahlen“ im Sinne der geforderten Menge (Anzahl) anstelle der Qualität der Beeinträchtigungen ausschlaggebend sein müssen. Der Mensch mit Behinderung kann und muss auch eigene Prioritäten für seine Teilhabe (am Leben in) an der Gesellschaft setzen, da nicht alle der neun angeführten Lebensbereiche die gleiche Wertigkeit für die Person haben werden“.

6.     Die Familie als Leistungsträger: Aufgefallen ist uns auch, dass in dem fast 400 Seiten umfassenden Text nicht in einer einzigen Passage ausdrücklich auf die Leistungen und Situation sowie Bedeutung der Familie als Leistungsträger für einen erkrankten oder behinderten Angehörigen eingegangen wurde. Angehörige übernehmen in vielen Fällen trotz eines professionellen Hilfeangebots wie selbstverständlich teilweise oder umfassend die Begleitung, Betreuung und oder Pflege ihres erkrankten Kindes, der behinderten Eltern, des Partners oder Geschwister. Sie bilden seit Jahrzehnten einen eigenständigen Leistungsbereich, außerhalb der Pflege, außerhalb des Betreuten Wohnen, ohne Inanspruchnahme der Wohnheime, ohne Unterstützung ambulanter Pflegedienste etc. Wir wünschen uns eine sozialrechtlich definierte und quantitativ beschriebene Dimension dieser familiären privaten

Leistungen für Menschen mit Behinderungen. Wie viele Familien sind betroffen? Welche Formen von Betroffenheit liegen vor? Wie viel bildet diese familiäre und private Leistung in Euro ab? Wieviel Teilhabe können diese Familien sicherstellen? Wo brauchen sie Unterstützung? Was ist ihre Qualität, aber auch wo sind die Grenzen, wenn z.B. betreuende Eltern altersbedingt ihre Leistungen nicht mehr sicherstellen können. Natürlich wissen wir, dass es entlastende Hilfen für Familien gibt. Damit wissen wir aber nicht, wie viele Familien/ Angehörige tatsächlich diese leisten. Was für Kostenträger selbstverständlich ist, nämlich einmal im Jahr zu bilanzieren, wieviel Geld für welche Leistungen aufgebracht wurden, gilt analog für versorgende Familien.

Wir fordern daher die familiären privaten Leistungen bei Betreuung eines behinderten / chronisch kranken Angehörigen innerhalb der Familie als eine leistungsrelevante Tatsache anzuerkennen und diese im Sinne des BTHG zu definieren, sie zu quantifizieren, ihren materiellen Wert auszuweisen und als statistisch messbare Leistung in der Bundesstatistik (§143 ff) auszuweisen.

Wir stellen zugleich fest, dass mit dem vorliegenden Entwurf die Familien mit einem behinderten oder chronisch kranken Angehörigen erheblich mehr belastet werden, wenn die ICF in der vorliegenden Form realisiert würde. Dies lehnen wir ab.

Gudrun Schliebener
(Erste Vorsitzende)

Kontakt:

Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.
Dr. Caroline Trautmann (Geschäftsführerin)
Telefon: 0228 71002409
E-Mail: bapk(at)psychiatrie.de
Oppelnerstr. 130
53119 Bonn

Stand: 14.06.2016

Stellungnahme des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. zum Entwurf eines Gesetzes zur Weiterentwicklung der Versorgung und der Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen (Referentenentwurf - PsychVVG)

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. (BApK) ist eine Selbsthilfeverband der vor über 30 Jahren gegründet wurde und sich für die

Belange von psychisch kranken Menschen und Ihrer Familie einsetzt. Dazu gehören nicht nur politische Forderungen, sondern auch Aufklärung durch Öffentlichkeitsarbeit um falsche Vorstellungen und Stigmatisierungen abzubauen.

Unter dem Dach des Bundesverbands engagieren sich 15 Landesverbände mit über 7000 Mitgliedern und über 500 Selbsthilfegruppen.

Allgemeine Bewertung

Das Bundesministerium für Gesundheit hat einen Entwurf eines Gesetzes zur Weiterentwicklung der Versorgung und Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen – kurz PsychVVG - vorgelegt. Damit folgt die Bundespolitik den Forderungen wissenschaftlicher Fachverbände, zahlreicher Verbände aus den Bereichen Psychiatrie und Psychosomatik, Betroffenenverbänden sowie der Freien Wohlfahrtspflege. Der Paritätische Gesamtverband und seine Mitglieder (darunter auch der BApK) hat sich ebenfalls von Beginn an gegen die Einführung eines pauschalierten Entgeltsystems für Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) ausgesprochen und dabei auch das breite zivilgesellschaftliche Bündnis „Weg mit PEPP“ in seinen Forderungen aktiv unterstützt.

Der BApK begrüßt die den politischen Gestaltungswillen zur Weiterentwicklung des psychiatrischen Unterstützungssystems, sieht jedoch bei vielen der neu vorgesehenen gesetzlichen Regelungen noch offene Fragen und Nachbesserungsbedarf.

Zentrale Punkte einer guten Weiterentwicklung der psychiatrischen und psychosomatischen Versorgung sind für den Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen die Stärkung der sektorenübergreifenden Versorgung sowie die tatsächliche Verbesserung der Versorgung von schwer und chronisch psychisch kranken Menschen. Ob der vorliegende Referentenentwurf sich als „PEPP“-System in neuem juristischem Gewand erweist und die Umsetzung doch zu einer Verschlechterung der Versorgung psychisch Erkrankter führt, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend bewertet werden.

Entscheidend ist jedoch folgendes: Menschen mit psychischen Erkrankungen benötigen ein Hilfe- und Versorgungssystem, das die besonderen Bedingungen ihrer Erkrankungen und ihrer Lebenssituation adäquat berücksichtigt. Das pauschalierte Entgeltsystem Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) hat sich hingegen als nicht geeignet erwiesen, da es die falschen ökonomischen Anreize setzt und eine menschenwürdige Versorgung und Behandlung von psychisch erkrankten Menschen nicht gewährleistet. Wissenschaftliche Fachverbände der Psychiatrie und Psychosomatik haben daher ein konkretes Alternativkonzept für ein künftiges Entgeltsystem vorgelegt.

Das Bundesministerium für Gesundheit hat nun einen neuen Gesetzesvorschlag zur Weiterentwicklung der Versorgung und Vergütung im psychiatrischen und psychosomatischen Bereich unterbreitet, der vor allem folgende wesentliche Änderungen beinhaltet:

  1. Erweiterung der Möglichkeiten der ambulanten Behandlung für Psychiatrien und psychosomatische Kliniken durch stationsäquivalente Behandlung (Home Treatment),
  2. Einführung eines krankenhausindividuellen Budgetsystems anstelle von Festpreisen mit umfassenden Kontroll- und Verhandlungsmöglichkeiten für die Krankenkassen,
  3. Verbindliche Einführung des Psych-Entgeltsystems für alle Einrichtungen, jedoch nicht mehr als Preissystem und keine Verlängerung der Optionsphase,
  4. Bestimmungen zur personellen Mindestbesetzung von psychiatrischen und psychosomatischen Krankenhäusern und Abteilungen.

Stellungnahme des BApK

Zu 1. Stationsäquivalente Behandlung / Home Treatment

Die Möglichkeit einer psychiatrischen Behandlung im häuslichen Umfeld ist positiv anzusehen. Allerdings stellen sich Angehörige die Frage welche Verantwortung sie durch das Home Treatment zusätzlich übernehmen müssen? Das Gefühl, die Verantwortlichkeit in die Familie zu verlagern ist enorm. Angehörige müssen, sofern die stationäre Behandlung durch das Home Treatment ersetzt wird, gefragt und involviert werden. Es müssen verbindliche Hilfeleistungen für die Betroffenen Familien vorgesehen werden. Dadurch erfahren Angehörige eine tiefgreifende Entlastung und haben die Hoffnung auf eine langfristige Verbesserung ihrer häuslichen Situation sowie der Lebenssituation des erkrankten Angehörigen.

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen weist darauf hin, dass durch den häuslichen Verbleib des Erkrankten der Familie folgende Belastungen entstehen können:

  • Mit allen kritischen Symptomen, die ein psychisch Kranker in Akutphasen entwickeln kann (Weglaufen, Suizidalität, Aggressivität, Vergiftungsideen, wahnhafte Handlungen, ‚Fortsetzung des Alkoholmißbrauches, etc.) konfrontiert zu sein,
  • Fehlende Abklärung rechtlicher Aspekte, insbesondere bei zunächst nicht erkannter Selbst- und Fremdgefährdung, ab wann muss ich eingreifen?
  • Angehörige sind schon wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilt worden. Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen fordert ein Rechtsgutachten zur Frage der häuslichen Behandlung bei „Problempatienten“. Wer trägt die rechtliche Verantwortung? Der Patient? Der Angehörige? Der klinische Arzt? Der Hausarzt? Der Facharzt?
  • Es ist unerlässlich, dass ein „häusliches Pflegegeld“ (+Rentenversicherung) gezahlt werden, wenn der Behandlungsbedarf ärztlich festgestellt wurde. Die zeitlichen und materiellen Belastungen sind hoch.
  • Eine Festschreibung der Mindestkontaktdichte und der Mindestpersonalpräsenz/ Qualifikation für den häuslichen Bereich sollte erfolgen.
  • Welche Rolle spielt künftig der MDK?
  • Es muss ein Wahlrecht bestehen. Nur wenn pflegende Angehörige/ Lebenspartner/ im Haushalt Zusammenlebende  und Patient einer Meinung sind, dann kann Home Treatment stattfinden. Fühlt sich der Angehörige überfordert (gefährliche Pflege), muss ein klinischer Arzt jederzeit die stationäre Behandlungsnotwendigkeit prüfen und den Patienten jederzeit aufnehmen.


Zu 2. Krankenhausindividuelles Budgetsystem anstelle von Festpreisen

Der BApK mischt sich nicht in das Budgetsystem anstelle von Festpreisen ein.

Zu 3. Einführung des Psych-Entgeltsystems

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.  sieht den Verbleib beim PEPP-System als Kalkulationsgrundlage kritisch. Auch wenn von der Verwendung als Preissystem Abstand genommen wurde, bleibt Nachbesserungsbedarf, den Entgeltkatalog vor allem in Richtung der sektorenübergreifenden Versorgung weiterzuentwickeln und Versorgungslücken für schwer psychisch kranke Menschen zu schließen.

Zu 4. Mindestpersonalbemessung

Die Psychiatrie-Personalverordnung (Psych-PV) gilt bis einschließlich Ende 2019. Ab dem Jahr 2020 soll es verbindliche Mindestanforderungen für die berufsbezogene Personalausstattung geben, die vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) festgelegt werden. Diese sollen Bestandteil der Qualitätssicherung und möglichst im Rahmen von Leitlinien evidenzbasiert festgelegt werden.

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. begrüßt diese Neuregelung. Die Einhaltung der Mindestvorgaben für die Ausstattung mit therapeutischem Personal muss verbindlich vorgeschrieben werden und oberste Priorität erhalten.

Resümee

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Referentenentwurf bzw. dessen gesetzliche Regelungen zur Weiterentwicklung der Versorgung und der Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen teilweise Verbesserungen gegenüber dem alten PEPP-System enthält.

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. begrüßt unter Vorbehalt der Befragung und Freiwilligkeit der Angehörigen, dass

  • eine stationsäquivalente psychiatrische Behandlung eingeführt wird,
  • der G-BA Mindestvorgaben für die Ausstattung der stationären Einrichtungen mit dem für die Behandlung erforderlichem therapeutischen Personal bis 2019 beschließen muss,
  • die Kliniken die Umsetzung der Psychiatrie-Personalverordnung und später die Mindestvorgaben für das therapeutische Personal nachweisen müssen.


Wenn psychiatrische Kliniken und Fachabteilungen in ihrer Arbeitsweise als Bestandteil der gemeindenahen Versorgung gestärkt werden sollen, ist jedoch die Verzahnung von Krankenhaus und anderen Angeboten für psychisch kranke Menschen mehr als bisher auszubauen. Insbesondere die Einbeziehung der Angehörigen muss Berücksichtigung finden. Diesem Anliegen wird der Entwurf gar nicht gerecht.

Des Weiteren vermisst der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. die Involvierung von Angehörigen. Angehörige treten für gleichberechtigt Gespräche zwischen Betroffenen und Fachleuten der psychiatrischen Versorgung ein. Daher wäre es wünschenswert Angehörige als Expertinnen und Experten anzusehen und einzubeziehen.

Stellungnahme des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. (BApK) für den Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages zum Kabinettsentwurf eines Gesetzes zur Weiterentwicklung der Versorgung und Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen (PsychVVG)

Stellungnahme der des BApK vom 16.09.2016

Unser Bundesverband (BApK), der zugleich 15 Landesverbände der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen vertritt, begrüßt, dass der Deutsche Bundestag über ein Gesetz berät, welches zu einem bedarfsgerechten neuen Entgeltsystem für die Krankenhausbehandlung sowie der krankenhausäquivalenten Leistungen im Bereich von Psychiatrie und Psychosomatik führen soll. Auch wir halten aus Sicht der Angehörigen der psychisch erkrankten Patientinnen und Patienten dies seit langem für notwendig. Der bisher beschrittene Weg über das PEPP-Verfahren hat sich als untauglich erwiesen. Er wurde zu Recht von nahezu allen Fachverbänden, Patientenvertretungen sowie Angehörigen abgelehnt.

In unsere Stellungnahme beschränken wir uns auf die besonders relevanten Gesichtspunkte, die Angehörige unmittelbar berühren. Wir verweisen aber auf die von den Fachgesellschaften und Verbände der Plattform Entgelt c/o DGPPN, Reinhardtstraße 27 B, 10117 Berlin an den Bundesminister für Gesundheit Hermann Gröhe am 16. März 2016 gesandten Anmerkungen und Hinweise der wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Verbände (u.a. des BApK) aus den Bereichen Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie zu den „Eckpunkten zur Weiterentwicklung des Psych-Entgeltsystems“ vorgelegt am 18. Februar 2016.

Von Seiten der Fachgesellschaften und Verbände sowie insbesondere der Bundesdirektorenkonferenz (BDK) liegen weitere aktuelle und differenzierte Stellungnahmen vor. Bei vielen der von diesen vorgebrachten Einwänden können wir uns anschließen. Die Verdopplung der Fallzahlen bei drastischer Verkürzung der Verweildauer ist ein Sachverhalt, den auch wir seit Jahren kritisch anmerken. So kann eine sorgfältige psycho- und soziotherapeutische Arbeit nicht mehr gewährleistet werden. Die „blutige“ Entlassung wird zum Regelfall. Als Angehörige vertreten wir jedoch nicht unmittelbar die Fragen des Personalbedarfs, ihrer Qualifikation und Fragen der Angemessenheit der Entlohnung. Gleichwohl erleben wir in nahezu allen psychiatrischen Kliniken und Abteilungen den zunehmenden Druck auf das Personal, die immer weniger und kürzer werdenden face to face Gespräche zwischen Therapeuten und Patienten bei gleichzeitig anwachsenden Dokumentationsdruck, die fast immer somit auch zu Lasten der häuslichen Situation gehenden Entlassungen von nicht wirklich ausreichend behandelten Patienten und Patientinnen. Die nervenärztliche ambulante Situation ist mindestens genauso schwierig. Wartezeiten von sechs Monaten können von vielen dieser Patienten nicht durchgehalten und erwartet werden. So kommen sie früher in die klinische Behandlung zurück als geplant. Wir gehen davon aus, dass der Gesetzgeber, die Kostenträger sowie die Leistungsträger zwar willens sind, patienten- und familiengerechte Lösungen für diesen Bedarf sicherzustellen. Wir weisen aber darauf hin, dass zahllose Familien mit erkrankten Angehörigen ihre familiäre und häuslichen Leistungen und Tätigkeiten unmittelbar für den erkrankten angehörigen wie selbstverständlich außerhalb jeglichen Tarifvertrages, Arbeitsrechts und Arbeitszeitregelungen erbringen. Auch hier haben infolge der wachsenden „Drehtürpsychiatrie“ die Belastungen zugenommen. Der personale Wert im Sinne eines klinischen Personalbedarfs für diese Angehörigenleistung ist nicht zu beziffern.

Krankenhausäquivalente Leistungen

Grundsätzlich begrüßen wir die Öffnung der klinischen Zuständigkeit auch für psychiatrische Behandlung einschließlich der Pflege, Sozialarbeit, Ergotherapie, etc.  außerhalb des stationären klinischen Bereiches (Home-Treatment). Die Kenntnis der häuslichen Situation, das Aufsuchen von Patienten, die krankheitsbedingt nicht in der Lage sind von sich aus ambulante oder klinische Leistungen in Anspruch zu nehmen, die damit mutmaßlich leichter werdende Kooperation auch mit solchen Angehörigen die die Klinik sonst nicht kontaktieren, entspricht unseren Forderungen. Allerdings sehen wir hierbei eine Reihe von ungeklärten Sachverhalten, die erheblichen Einfluss auf den Personalbedarf, die Zahl der vorgehaltenen Betten und auf unsere Belastbarkeit als Angehörige haben werden:

  • Die Behandlung zuhause berührt in vielen Fällen nicht nur den Erkrankten, sondern findet mitten innerhalb einer Familie, in Gegenwart von Partnerinnen, Eltern, Kindern und ggf. weiteren Haushaltsmitgliedern statt. Wenn dem so ist, müssen diese in die Entscheidung einbezogen werden, ob und wie die Behandlung zuhause erfolgt. Bei der Schwere zahlreicher psychischer Erkrankungen, sei es eine Psychose, eine Depression mit suizidalen Tendenzen, eine dauerhafte Persönlichkeitsstörung, ist das häusliche Umfeld immer mitbelastet. Insbesondere, wenn Kinder im Haushalt leben. Hier bedarf es klarer Regelungen, die auch dazu führen können, dass Angehörige eine Behandlung zuhause ablehnen, auch wenn der Betroffene dies anders wünscht. Das heißt Angehörige sind regelhaft in die Entscheidung des Behandlungsortes im Sinne der Qualitätssicherung einzubeziehen. Unsere Forderung: Nur eine kooperative Entscheidung mit den Angehörigen kann zielführend sein. Dies muss durch eine verbindliche Regelung verankert werden.
  • Gruppenarbeit: Das klinische Personal wird vielfach psycho- und soziotherapeutisch in Gruppenarbeit sowohl aus therapeutischen als auch ökonomischen Gründen eingesetzt. Gruppentherapien sind im häuslichen Bereich nicht realisierbar. Hier bedarf es daher neue Kooperationsformen z.B. mit Institutsambulanzen, niedergelassenen Psychotherapeuten, ambulante-klinischer Behandlungsmix, etc. um einerseits im häuslichen Bereich behandeln zu können, aber gleichzeitig die dann doch sehr enge Behandlungssituation psycho- und soziotherapeutisch öffnen zu können. Auch der Kontakt zu anderen Patienten kann durchaus sehr hilfreich sein. Eine zu eng gefasste häusliche Therapie droht sich auf die medikamentöse Behandlung zu verengen. Dies lehnen wir ab. Wir fordern eine Öffnung für die Sicherstellung von Gruppenaktivitäten auch bei der Behandlung zuhause.
  • Die Rolle der Angehörigen: Wir weisen auch darauf hin, dass Angehörigen nicht quasi automatisch in die Rolle der Hilfspflegenden gedrängt werden dürfen. Es gehört zu unserem „Angehörigenstandard“ wie bei der Medikamenteneinnahme die erkrankten Familienmitglieder nicht zu bedrängen ihr/e Medikament/e einzunehmen. Es ist der Entscheidung des Betroffenen überlassen und bei Fragen und Zweifeln das Gespräch mit den Behandlern zu suchen. Eine Verantwortungsübernahme wie z.B. zur Medikamenteneinnahme im Sinne der Sicherstellung von „Compliance“ lehnen wir ab. Angehörige sind keine Hilfspfleger.
  • Reduzierung von Betten: Wenn der Gesetzgeber eine Kürzung der klinischen Betten beabsichtigt, darf diese nicht unmittelbar geschehen. Es muss den Kliniken, den Patienten und den Angehörigen ausreichend Zeit eingeräumt werden Erfahrungen mit einem neuen Versorgungsangebot zu sammeln.  Es hat sich erwiesen, dass ein Abbau z.B. der früheren Langzeitstationen nur dann patientengerecht erfolgte, wenn ausreichend ambulante qualifizierte gemeindepsychiatrische Maßnahmen auf der Basis der bisherigen Eingliederungshilfe vorhanden waren. Ein rascher Abbau ohne qualifizierte Entwicklung verschiedener Modelle und ohne Evaluation des klinischen „Home-Treatment“ halten wir für gefährlich und kann patientenschädigend sein. Wir schlagen einen Erprobungszeitraum von 5 Jahren mit 5 Modellvorhaben bei gleichzeitiger Evaluation vor. Wir empfehlen auch darauf zu achten, dass wir in den letzten zwei Jahrzehnten einen erheblichen Zuwachs an Betten in der Psychosomatik zu verzeichnen hatten, daher wäre vor allem hier die Reduktion zu prüfen.
  • Menschenwürde wahren, Zwangseinweisung vermeiden, aufsuchende Hilfen stärken“ so lautet der Aufruf unter der Federführung des Landesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker Hamburg (Dr. Hans Jochim Meyer). Er wurde bundesweit von nahezu 1.400 Personen unterzeichnet. Darunter zahlreiche beruflich Tätige aus klinischer und ambulanter Versorgung, Repräsentanten nahezu aller Fachorganisationen, zahlreiche Familienangehörige und auch Psychiatrie-Erfahrene. Der Grundaussage wird zugestimmt, unser insgesamt gut ausgebautes psychiatrisches Versorgungssystem weist für bestimmte Erkrankte gravierende Lücken auf. Gerade gegenüber solchen schwerkranken Menschen, die in einer Phase ihrer Erkrankung ihre Hilfsbedürftigkeit nicht mehr erkennen können oder krankheitsbedingt nicht in der Lage sind, Hilfen einzufordern und anzunehmen. Sie werden vom Versorgungssystem nicht erreicht, auch, weil man ihr Grundrecht auf autonome Entscheidungen über ihre Gesundheit nicht verletzen wolle. Wir aber sagen, dies führt zum Gegenteil dessen, was Autonomie bedeutet: es kommt eher zu Zwangseinweisungen, häufiger zu Aufnahmen in die Forensik, in den Strafvollzug, in Wohnungslosigkeit sowie zu schweren Schäden an der materiellen oder sozialen Situation bei den Betroffenen und auch zu Schäden gegenüber Dritten. Hier erwarten wir auch durch das neue Entgeltsystem Antworten darauf, wie es mit dem richtigen Personalbedarf und Personaleinsatz gelingt, Behandlung zu ermöglichen, Zwangsmaßnahmen zu vermeiden und massive Folgeschäden zu verhindern.
  • Die Einbeziehung von Angehörigen im klinischen Bereich erfolgt bundesweit extrem uneinheitlich. Hierfür ist in der Tätigkeit der klinischen Mitarbeiter bei der PsychPV unter 4. „Mittelbar patientenbezogenen Tätigkeiten“ auch „Selbsthilfe und Angehörigengruppen“ ausgewiesen, damit ist aber keineswegs gesichert, dass diese auch tatsächlich stattfinden. Als Angehörigen fordern wir die Verankerung der Kooperation mit den Angehörigen im Sinne einer gegenseitigen Kooperationsvereinbarung zwischen klinischen aber auch ambulanten Anbietern und einer regionalen Angehörigenorganisation als Teil der Qualitätssicherung der klinischen oder außerklinischen Behandlung. Unser Forderung lautet: Abschluss einer Kooperationsvereinbarung in der die Punkte Schweigepflicht, Festlegung eines Arztes und Krankenpflegers als Ansprechpartner, Einladung zum Angehörigengespräch, regelmäßiges Gruppenangebot für Angehörige,  Entlassungsplanung, Fremdanamnese, und wenn rechtlich erforderlich Beteiligung am Betreuungsverfahren, stets mit Zustimmung des Patienten geregelt sind.


Wir fordern alle personellen Berechnungsgrundlagen künftig auch an der Weiterentwicklung der psychosozialen Therapien, der Psychotherapie und Pharmakotherapie für die schwer und chronisch psychisch erkrankten Patientinnen und Patienten zu messen.

Mit freundlichen Grüßen

Gez.
Gudrun Schliebener
Vorsitzende                                                                

Christian Zechert
Mitglied im Vorstand