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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen

BApK

Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.

  • Stellungnahmen


Stellungnahmen - Positionen zur aktuellen Gesundheits- und Sozialpolitik

Ganz gleich, ob es um laufende Gesetzgebungsverfahren, ihre Umsetzung oder Defizite in der Versorgung psychisch kranker Menschen geht – die Familien-Selbsthilfe Psychiatrie, Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. bezieht Position.

Um es vorweg zu sagen: Es ist für einen ganz überwiegend ehrenamtlich tätigen Verein nicht immer leicht, im Konzert der starken gesundheitspolitischen Interessensvertreter der Lobby für Familien mit psychisch kranken Menschen eine gewichtige und wahrnehmbare Stimme zu geben. Es erfordert – neben dem Expertentum aus eigener Erfahrung – in großem Maße Wissen und Zeit, Kraft und die Fähigkeit zur Arbeit in Netzwerken.

Deshalb sind aktive Mitstreiter stets sehr willkommen. Alle Interessierten haben hier die Möglichkeit, sich einen Eindruck über aktuelle Themen in der psychiatrischen Versorgung und die Meinungen der Familien-Selbsthilfe Psychiatrie zu verschaffen.    

Seit einiger Zeit wird das Thema Hometreatment sehr stark in der Fachwelt diskutiert. Es ist ein innovatives Angebot von psychiatrischen Kliniken oder Gemeindepsychiatrischen Verbünden, bei der das Behandlungsteam psychisch erkrankte Menschen in ihrer gewohnten Umgebung versorgt. Psychiatrische Kliniken sprechen hierbei von einem innovativen Angebot, welches die stationäre Behandlung ersetzen und/oder die Behandlung verkürzen soll. Die Idee Hometreatment als Bestandteil der integrierten Versorgung anzusehen ist ein Vortschritt. Allerdings muss der Fokus des Hometreatments sich auf die besonderen Anliegen der Angehörigen und ihrer erkrankten oder seelische behinderte Familienmitglieder konzentrieren. Dazu gehört die differenzierte Betrachtung der Möglichkeiten des Hometreatments. Es ist zweifelsfrei eine gute Möglichkeit, Betroffene zu erreichen, die allein leben und zu krank für eine stationäre Behandlung sind, sich schwer tun mit Stationsregeln und -Ordnung und wenig soziale Umfeldunterstützung erhalten. Wenn es ein enges soziales Umfeld und auch noch die Unterstützung durch die Familie gibt, ist zu bedenken, dass Angehörige (Eltern, Partner, Geschwister oder Kinder) eines psychisch erkrankten Menschen ebenso von Hometreatments berührt sein können wie die Betroffenen selbst. Zu nennen ist unter anderem die Sorge und die Gefahr, die Verantwortung des professionellen Teams in die Familie zu verlagern, wodurch die Familien noch stärker belastet werden. Eine Belastung erfährt die Familie schon jetzt durch eine unzureichende finanzielle Absicherung pflegender Angehöriger, die besondere berufliche Situation und Doppelbelastung, die eingeschränkte allgemeine Teilhabe am sozialen Leben und die Schwierigkeiten in der Umsetzung der Interessen der Angehörigen gegenüber dem sozialen Hilfesystem und der nach wie vor gegebenen Stigmatisierung. Aufgrund der Sorge bezüglich der Verlagerung der Verantwortung und der Erhöhung der zeitlichen Inanspruchnahme darf das aufsuchende Angebot von dem multiprofessionellen Team nur mit Einwilligung des Patienten und seiner Familie - sofern sie in einem Haushalt zusammenleben - durchgeführt werden. Eine Übereinstimmung von Betroffenen und Angehörigen bezgl. der Behandlung im eigenen häuslichen Umfeld muss gewährleistet sein. Ferner muss die Aufnahme auf freiwilligen Basis und mit dem Einverständnis der Personen erfolgen, die im selben Haushalt leben oder sehr engen Kontakt zu den Betroffenen haben. Eine Entscheidung bezgl. des Hometreatments darf nicht von professioneller Seite allein stattfinden! Es sollten nur Menschen mit psychischen Erkrankungen aufgenommen werden, die aufgrund einer akuten Krise sonst stationär behandlungsbedürftig wären. Ausschlusskriterien sind unserer Meinung nach akute Selbst- oder Fremdgefährdung.

Hometreatment ist eine sehr gute Ergänzung des Behandlungsangebotes und hilft bei der Überwindung der einzelnen Sektoren stationär, teilstationär und ambulant, ist aber bedeutend mehr als die in der Diskussion befindliche Stationsäquivalente Behandlung, sondern umfasst auch soziale Interventionen.

Von C. Trautmann und G. Schliebener      

Die Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK) vertritt als Selbsthilfe-Organisation Familien mit psychisch kranken Menschen auf Bundesebene. Unser Leitbild lautet: Mit psychisch Kranken leben – selbstbewusst und solidarisch. Die Aufgaben sieht der BApK in der Einflussnahme auf Politik und Gesetzgebung, der Förderung und Vernetzung der Aktivitäten der Landesverbände, der kritischen Begleitung der Entwicklungen in Kliniken und Gemeindepsychiatrie, der Information und Beratung des sozialen Umfeld von Menschen mit psychischen Erkrankungen; dies gelingt dem BApK unter anderem mit der Bereitstellung des "SeeleFon“, der Organisation von Tagungen und Seminaren, der Veröffentlichung von Informationsmaterialien, die Familien mit betroffenen Menschen praktische Hilfe und sachliche Informationen geben, der Beteiligung als Mitherausgeber der "Psychosozialen Umschau" und als Mitbetreiber des "Psychiatrienetzes.

Gerade die Einflussnahme auf Politik, in der es um Gesetzesregelungen geht, vertritt der BApK die Rechte der Angehörigen, verfasst Stellungnahmen und gibt Empfehlungen wie z.B. zum psychiatrischen Versorgungssystem, Bundesteilhabegesetz  (BTHG), PEPP und Hometreatment und viele mehr. Andere Themen wie die Forensik/der psychiatrische Maßregelvollzug sind ebenfalls Themenschwerpunkte des BApK und werden mit den einzelnen Landesbeauftragten für Maßregelvollzug der einzelnen Länder diskutiert und durch gemeinsame Tagungen für Angehörige und Fachexperten ausgerichtet.

Wie Sie sehen, ist der BApK in zahlreichen unterschiedlichen Politikfeldern im Bereich der Psychiatrie aktiv und wünscht sich eine weitere Beteiligung in der EU. Menschenrechte, Gesundheit, berufliche Bildung, Jugend, Forschung und Innovation, Entwicklung und Zusammenarbeit  etc. sind wichtige Themen, die sowohl Angehörige von psychisch erkrankten Menschen, als auch Psychiatrieerfahrene betrifft. Alleine der Schwerpunkt Menschenrechte bzw. Menschenrechtsansatz beinhaltet die Gewährleistung der Rechte in der systematischen Praxis, das bedeutet auch, dass die Menschenrechte zu den Grundlagen in der Psychiatrie gehören und dort Anwendung finden sollten. Dies ist aber nicht immer der Fall und müsste in der EU grundlegend diskutiert werden. Die Rechte wie z.B.: 1. „ Das Recht auf Gleichheit vor dem Recht“ ist bis heute in Deutschland diskriminierend. Noch immer haben wir nicht das volle Wahlrecht für Menschen mit Behinderung. Die EU müsste darüber aufklären, wie Sie Menschenrechte von psychisch erkrankten Menschen und die Rechte der Angehörigen wahren. Auch das „Recht auf Gesundheit“ gilt es zu überdenken. Dies ist bis heute nicht wirklich umgesetzt. Es geht um die psychische oder körperliche Gesundheit bei Menschen mit seelischen Behinderungen. Es ist noch immer ungleich schwerer, z.B. bei einer Schizophrenie eine geeignete Psychotherapie zu finden, als bei einem komplizierten Bruch eines Knochens. Das Recht auf Gesundheit gilt übrigens auch für die nahen betreuenden Angehörigen, die zum großen Teil lebenslang erheblichen Belastungen ausgesetzt sind. Auch hier müsste die EU Bericht erstatten und erläutern warum das Recht auf Gesundheit ungleich ausfällt und warum Angehörige keine (finanzielle) Unterstützung erhalten. Das Recht auf Integrität der Person ist ebenfalls kritisch zu analysieren. Wer psychisch krank ist, dessen Integrität ist leichter verletzbarer, weil viele der betroffenen Menschen sich nicht entsprechend wehren können. Sie sind rascher kränkbar, leiden unter unsichtbaren Barrieren. Auch diese Erfahrungen teilen wir mit vielen Betroffenen, dass auch die Integrität von Angehörigen immer mal wieder bezweifelt wird, weil irgendjemand ja Schuld haben muss an der Erkrankung. Auch hier wäre es wünschenswert, wenn die EU auf EU-Ebene Aufklärungsarbeit betreiben würde. Nicht alle Rechte können wir hier auflisten, als letztes Sei kurz das Recht auf Freiheit und würdevoller Behandlung genannt, die in der Psychiatrie nur bedingt vorkommen. Fixierung werden auch in Deutschland an psychisch erkrankten Menschen durchgeführt und stehen stark in Kritik. Zwangsmaßnahmen, unmenschliche und erniedrigende Behandlung dürfen in keinem Land vorkommen. Aber auch hier weisen wir darauf hin, dass auch Angehörige ggf. im schlechten Umgang z.B. durch Kliniken, die Angehörige nicht einbeziehen, sich erniedrigt fühlen können, weil man sie nicht ernst nimmt. Angehörige beanspruchen ebenfalls das Recht auf guten Umgang mit uns und den Verzicht auf jegliche Form von Abwertung. Auch hier sehen wir für die EU Handlungsbedarf, dieses Unterthema zu analysieren und zu sensibilisieren. Weitere  Themenbeispiele, die in der EU beratschlagt werden müssen sind unter anderem das Thema Armut von psychisch erkrankten Menschen zu nennen. Wenn wir uns in der EU umsehen, hat jede sechste Person eine leichte bis schwere Behinderung. Das sind ca. 80 Millionen Menschen. In Deutschland sind es ca. 7 Millionen Menschen, die eine anerkannte Schwerbehinderung haben. Viele davon sind an einer vollen Teilhabe an der Gesellschaft und Arbeitswelt gehindert. Für Menschen mit Behinderung liegt die Armutsquote mit 70% über den Durchschnitt. Vielen Angehörigen sind die  Gründe für die Armutsquote von 70% über den Durchschnitt bewusst, weil Sie selber unter den finanziellen Folgen mitzuleiden haben. Zu nennen ist neben den durch die Erkrankung ausgelösten unmittelbaren materiellen Schäden aber auch über keine Berufsausbildung zu verfügen, den Krankenversicherungsschutz zu verlieren, wenn man sich nicht krankheitsbedingt darum kümmern kann, aber auch unter dem eingeschränkte Zugang zur Arbeitswelt und letztlich der Stigmatisierung  der betroffenen Familien von Menschen mit einer psychischen Erkrankungen durch die Gesellschaft.  Es stellet sich die Frage, wie das Recht auf Leben in der Gesellschaft und das Recht auf Freiheit und der Verzicht auf unmenschliche und erniedrigende Behandlung umgesetzt werden kann, wenn Betroffene und Angehörige, stigmatisiert werden. Die EU müsste darüber aufklären, wie Sie bei der Bekämpfung der Armut von psychisch erkrankten Menschen helfen und einen Beitrag zur Enttabuisierung psychischer Erkrankung leisten kann.

Wie Sie sehen, zeigen die kurz angerissenen Problemfelder die Wichtigkeit mit Bundesselbsthilfeorganisationen wie dem BApK auf EU-Ebene politisch mitdiskutieren und an den Entscheidungen teilhaben zu lassen. Es wäre wünschenswert, wenn eine Absprache zwischen BApK und EU erfolgen könnte und der BApK die Möglichkeiten erhält sich auf europäischer Ebene zu positionieren. 

Prävention/ Migration

Prävention und Gesundheitsförderung werden in einer Gesellschaft mit steigendem Lebensalter sowie multimorbiden und chronischen Erkrankungen immer wichtiger, damit Krankheiten erst gar nicht entstehen oder möglichst kurz verlaufen. Insbesondere bei psychischen Erkrankungen, die mittlerweile zu den häufigsten Erkrankungen in der Gesellschaft zählen, muss präventiv vorgebeugt werden. Dabei sind gesetzliche Regelungen von Vorteil, nach denen Präventionsangebote – auch von der Selbsthilfe - finanziell vom Staat dauerhaft gefördert werden müssen.

Durch den enormen Zuwachs an diagnostizierten psychischen Erkrankungen erhöht sich die Nachfrage nach seriösen und niedrigschwelligen Informationen, nach Unterstützung und Hilfe seitens der betroffenen Menschen und ihrer Angehörigen. Eine kompetente Beratung entlastet Betroffene und Angehörige und kann einer Verschlimmerung und Eskalation im Vorfeld präventiv entgegenwirken. Es können frühzeitig Weichen gestellt werden, um eine zeitnahe und angemessene ambulante oder klinische Behandlung zu sichern.

In diesem Zusammenhang hat der BApK das „Beratungstelefon Seelische Gesundheit – Selbsthilfeberatung und Beratung im Internet (SeeleFon)“ ins Leben gerufen. Es leistet einen wichtigen Beitrag zum Aufbau eines qualifizierten Beratungssystems und ist über die Jahre zu einer tragenden  Säule in der Versorgungslandschaft der Selbsthilfe geworden. Der Informations- und Beratungsbedarf ist ebenso enorm wie die Vielfalt der angesprochenen Themen. Im Ehrenamt stehende Angehörige, Betroffene, aber auch professionelle Helfer suchen Antworten auf die Fragen der Anrufenden und benötigen bei ihrem Engagement Unterstützung. Dabei geht es um Krankheitsbilder, Diagnosen, den Umgang mit schwierigen Verhaltensweisen, Fragen zu Therapien und der Versorgungslandschaft.  Manchmal steht aber auch der Wunsch im Vordergrund, in einem geschützten Rahmen über sehr persönliche Dinge zu sprechen.

Schon bald hat sich das „SeeleFon“ als Erfolg erwiesen. Das Beratungsangebot wird von einer so großen Zahl von Menschen in Anspruch genommen, dass sich der BApK entschlossen hat, das „SeeleFon“ nach Ablauf der Förderung eigenständig zu finanzieren. Jährlich nimmt das Beratungsteam über 2500 Anrufe entgegen. Hinzu kommt die E-Mail-Beratung mit zirka 5000 Anfragen – Tendenz steigend.

Als im Jahr 2015/2016 die massenhafte Flüchtlingsbewegung nach Europa stattgefunden hat, wurde mit Hilfe des BKK Dachverbandes und des BKK Landesverbandes Nordwest im Jahr 2016 das „SeeleFon“ durch das Projekt „Entwicklung eines Unterstützungsangebots für traumatisierte Flüchtlinge (SeeleFon für Flüchtlinge)“ erweitert. Es verfolgt das Ziel, Flüchtlingen mit psychischen Problemen bundesweit mit einem Erste-Hilfe-Angebot zu unterstützen. Seit September 2016 ist das „SeeleFon für Flüchtlinge“ aktiv. Die Beratung wird in den Sprachen Arabisch, Englisch, Französisch und Deutsch angeboten. Das „SeeleFon für Flüchtlinge“ ist von montags bis mittwochs in der Zeit von zehn bis 12 Uhr und von 14 bis 15 Uhr unter der Rufnummer  0228/71002425 erreichbar. Zusätzlich finden Hilfesuchende auf der Seite des BApK in vier Sprachen Informationen zu Hilfeangeboten, Krankheiten und vielem mehr.

Um der Gesellschaft und jedem einzelnen Bürger sowie Migranten und Flüchtlingen weiterhin niederschwellige sowie spezifische zielgruppenorientiere Präventionsangebote anbieten zu können, ist es auch hier erforderlich, dass die Bundesregierung solche essentiellen Angebote finanziell unterstützt. Die Selbsthilfe wird mittlerweile als die vierte stützende Säule des Gesundheitssystems benannt. Der BApK fordert daher eine Gleichstellung der Selbsthilfe mit den anderen Systemen und die finanzielle die Kostenübernahme für die genannten Projekte, damit eine wesentliche Voraussetzung erfolgreicher Prävention entstehen kann.

Kinder von psychisch kranken Eltern

Schätzungsweise wachsen ca. 2- 3 Millionen Kinder bei einem psychisch erkrankten Elternteil in Deutschland auf. Die Erkrankung eines Elternteils stellt eine erhebliche Belastung und ein erhöhtes Risiko für die psychische Entwicklung des Kindes dar; insbesondere dann, wenn die Erkrankung innerhalb der Familie und im Freundeskreis tabuisiert wird und keine kindgerechte Aufklärung bzgl. der psychischen Erkrankung stattfindet sowie keine Unterstützung hinzugezogen werden kann. Um Kindern in dieser schweren Situation zu helfen, ist es unabdingbar, dass Kinder genügend Rückhalt sowohl von der Familie, Freundeskreis, Schule (Lehrpersonal, Schulpsychologe) oder auch den Erziehern (Kindergarten) erhalten. Sie benötigen Vertrauenspersonen, die bereit sind, das Kind altersgerecht aufzuklären und ihm gezielte Hilfemöglichkeiten anzubieten, damit bei dem Kind weder Schuldgefühle noch Desorientierung ausgelöst werden. Auch die Rolle des Kindes innerhalb der Familie sollte Beachtung finden. Oftmals müssen Kinder zu Hause die Erwachsenenrolle übernehmen, wodurch Ihnen ein Stück ihrer Kindheit geraubt wird. Auch die Thematiken „Mobbing“ und Leistungsabfall in der Schule können zu einer sozialen Isolierung und Ausgrenzung des Kindes führen. Es stellen sich folgende Fragen: An welchen Stellen intervenieren wir üblicherweise und wo sollte der eigentliche Ansatz der Intervention liegen? Welche Probleme werden von den Kindern psychisch kranker Eltern genannt? Was wissen Kinder über das Krankheitsbild der Eltern und welche Informationen werden von den Kindern benötigt? Welche Herausforderungen sind bei dem Thema Kinder von psychisch erkrankten Menschen zu beachten?

Der BApK fordert:

1.     Sensibilisierung/ Aufklärung/ Weiterbildung von Fachkräften:

Ärzte, insbesondere Hausärzte und Kinderärzte, sollten sich zu dem Themenfeld „Kinder von psychisch erkrankten Eltern“ in Form von Weiterbildungen und Fachveranstaltungen informieren, um bei Bedarf auf Probleme im Familiensystem des Patienten aufmerksam werden zu können. Ärzte sollten über die Lage von Kindern psychisch kranker Eltern informiert sein, um spezielle Unterstützungsstrukturen wie z.B. die Selbsthilfe, Jugendamt etc. zu vermitteln. Insbesondere bei Ärzten und Pflegern stellt sich die Frage, ob nicht schon in der Curricularen Lehre über das Thema „Psychische Erkrankung und die Sichtweise von Angehörigen“ doziert werden sollte. Dies hätte den Vorteil, dass der Fokus nicht nur auf den Patienten gerichtet wird, sondern auch auf das komplexe System der Familie. Eine Sensibilisierung der „Mediziner“ und „Pfleger“ zu dem Thema „Angehörige von psychisch erkrankten Menschen“ sollte bereits in der „Ausbildung“ stattfinden, wodurch sich der spätere berufliche Praxisbezug zu den Angehörigen positiv verändern würde. Die Einrichtung von Lehrstühlen an Hochschulen zu der Thematik „Angehörige von psychisch erkrankten Menschen“ wird ausdrücklich begrüßt. 

Auch Pädagogen (Lehrer/ Erzieher/ Schulsozialarbeiter, Sozialpädagogen) müssen über das Thema „Psychische Erkrankungen“ aufgeklärt, sensibilisiert und informiert werden. Auch hier empfehlen sich wie unter Punkt 1 der Einbezug in die Lehre sowie Fort- und Weiterbildungen. Erstrebenswert ist zudem die Integration des Themas „Psychische Erkrankung“ in den Lehrplan mit dem Ziel der Aufklärung über und Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen.

2.     (Staatliche) Regelfinanzierung der Selbsthilfeverbände:

Eine weitere Herausforderung ist es, niederschwellige Präventionsangebote in allen Landesverbänden der Selbsthilfe auf dem Gebiet der Psychiatrie und in den Kommunen zu schaffen, die regelfinanziert werden. Das beinhaltet auch, dass Selbsthilfeverbände auf Bundes- und Landesebene genügend finanzielle Absicherungen erhalten, um ihre Angebote weiterhin aufrecht erhalten zu können.

3.     Vernetzung von Akteuren:

Es sollten Netzwerke geschaffen werden, um sich gemeinsam über Strategien oder auch Forschungsprojekte beraten zu lassen wie z.B. die Lage von Kindern psychisch erkrankter Eltern zu verbessern. Dabei geht es um Schnittstellenoptimierung wie z.B. von Bundes- und Landesministerien, Hochschulen und Selbsthilfeverbänden. Es sollten Gespräche in Augenhöhe stattfinden, d.h. von Profi zu Profi. Zudem sollten alle Akteure finanzielle Zuwendungen erhalten.  Weitere Punkte sind unter andere

  • Beratung von Kommunen zum Aufbau von zielgruppenspezifischen Angeboten(dient der Vernetzung, Bedarfsermittlung)
  • Es müssen Kliniken, Ärzte, Beratungsstellen und Selbsthilfe gemeinsam einbezogen werden. Selbsthilfe stellt die vierte Säule des Gesundheitssystems dar und sollte auch von Profis anerkannt sein. Die Selbsthilfe ist ein Partner auf Augenhöhe.  

 

4.     Öffentlichkeitsarbeit/ Aufklärungsmaßnahmen:

Öffentlichkeitsarbeit zu dem Thema „Psychische Erkrankung“ ist essentiell, um einen Beitrag zur Entstigmatisierung leisten zu können. Dabei muss unter anderem das Thema „Kinder von psychisch kranken Eltern“ Gehör in der Gesellschaft finden. Es geht um
a) Abbau von Stigmatisierung (durch Videofilme, Werbeplakate etc.)

b) Informationen zu niederschwelligen Beratungsangeboten

c) Aufklärung bei Profis (Ärzte, Kliniken) aber auch Pädagogen, die Kindern von psychisch kranken Eltern erste Hilfemöglichkeiten bzw. Kontaktstellen auch zur Selbsthilfe geben können (dies beinhaltet auch, dass Informationsmaterialien von Bundes- oder Landesverbänden/ Selbsthilfegruppen in den Kliniken und Schulen gut ersichtlich in Prospektständern ausliegen).

d) Kinder von psychisch kranken Eltern müssen explizit angesprochen werden mit Hilfe von Informationsmaterialien, die die psychische Erkrankung altersgemäß erläutern.

e) Ein weiteres wichtiges Ziel stellt dabei die Präventionsarbeit bzw. Präventionsförderung dar.

5.     Forschung:

Auch die Forschung sollte sich stärker dem Thema „Kinder von psychisch kranken Eltern“ widmen. Dabei geht es um die Bedarfe, die Situation und mögliche Schutzfaktoren für Kinder psychisch kranker Eltern. Auch genaue Kennzahlen bezgl. „wie viele Kinder leben mit einem Elternteil, der psychisch erkrankt ist“ sollten evaluiert erden. Bisher ist die Forschung immer wieder auf Schätzungen angewiesen.

Gemeinsame Stellungnahme der Landesverbände der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen und des Bundesverbandes der Angehörigen zum Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen (Bundesteilhabegesetz – BTHG) / Referentenentwurf vom 26.04.2016.

Bonn, den 27.06.2016

1.     Die Angehörigen psychisch erkrankter Menschen begrüßen die Absicht des Gesetzgebers mit dem BTHG ein eigenständiges, aus der Sozial- bzw. Eingliederungshilfe gelöstes Leistungsrecht zu schaffen. Die Einhaltung der Kriterien und Anforderungen der UN-Behindertenrechtskonvention unterstützen wir. Eine personen- statt institutionenbezogene Finanzierung von Hilfen zur Teilhabe entspricht dem Wunsch der Betroffenen und Angehörigen. Darüber hinaus begrüßen wir die systematische Integration der Prävention als leistungsrechtliche Aufgabe.

Wir schließen uns der Stellungnahme der Aktion Psychisch Kranke (APK) an und stimmen im Wesentlichen mit den von ihr aufgeführten 12 Punkten: “Fristenregelung“, „Bedarfsermittlungsverfahren“, „Leistungsberechtigter Personenkreis“, „Leistungen zur sozialen Teilhabe“, „Kosten der Unterkunft“, „Verhältnis Pflege -Eingliederungshilfe“, „Zugang zu den Hilfen“, „Teilhabe an Arbeit“, „Soziotherapie“ sowie „Kinder- und Jugendliche“ überein.

Insgesamt halten wir jedoch den Entwurf des BTHG für wesentlich überarbeitungsbedürftig und weisen ihn in der vorgelegten Fassung ab.

2.     Darüber hinaus konzentrieren wir uns auf die besonderen Anliegen der Angehörigen und ihrer erkrankten oder behinderten Familienmitglieder. Wir sehen, dass Eltern, Partner, Geschwister oder Kinder eines psychisch erkrankten Menschen ebenso von fehlender Teilhabe berührt sein können, wie die Betroffenen selbst. Sei es die unzureichende finanzielle Absicherung als pflegender Angehöriger, sei es die besondere berufliche Situation und Doppelbelastung, die eingeschränkte allgemeine Teilhabe am sozialen Leben oder die Schwierigkeiten in der Umsetzung der Interessen der Angehörigen gegenüber dem professionellen Hilfe- und Behandlungssystem.

3.     Wir empfinden im § 99 die Formulierung im Entwurf des Gesetzestextes: “regelmäßig wie­derkehrende und über einen längeren Zeitraum andauernde Unterstützung durch eine anwesende Person“ als missverständlich und sehen die Gefahr, dass diese

Formulierung z.B. einen Sachbearbeiter eines Sozialhilfeträgers zu der Folgerung veranlassen könnte: wenn ein seelisch behinderter Mensch in eigener Wohnung zwar mit Betreuung durch einen ambulanten Dienst aber eben ohne eine ständig anwesende Person leben kann, ist er nicht in seiner Teilhabe eingeschränkt.

4.     Erschwerend kommt hinzu, dass in den Regelungen des Pflegestärkungsgesetz III entsprechend dem neuen Begutachtungs-Assessment psychisch erkrankte Menschen ganz schlecht wegkommen, da deren Kriterien die Probleme dieser Personengruppe nicht abbilden. Zwar soll es einen Bestandsschutz geben für Menschen, welche bereits Leistungen aus der Eingliederungshilfe erhalten, aber bei einer Neu-Feststellung einer Behinderung fallen psychisch Kranke so weitgehend unter den Tisch und erhalten nur geringe oder keine Leistungen. Wenn die 5 Kriterien nach ICF im BTHG nicht erfüllt sind, was dann? Die Anwendung des ICF Schemas halten wir in einem rein mechanistischen Punkte-System aus dem nicht hervorgeht, warum 5 von 9 bzw. 3 von 9 Einschränkungen vorliegen müssen, für exkludierend gegenüber Menschen mit seelischen Behinderungen. Das Gegenteil von Teilhabe wird so erzielt.

5.     Wir teilen die Befürchtungen in der Deklaration des Sachverständigenrates der Ärzteschaft der BAR in seiner 100. Sitzung vom 18.05.2016: „Die Forderung, dass Aktivitäten, die nicht ohne personelle oder technische Unterstützung möglich sind, in einer Mindestzahl an Lebensbereichen auftreten müssen, widerspricht dem Gedanken der ICF und des bio-psycho-sozialen Modells. Es ist nicht nachvollziehbar, dass zwar allgemein die individuelle Betrachtung und die Selbstbestimmung des Betroffenen im Vordergrund stehen (sollen), aber dann „Zahlen“ im Sinne der geforderten Menge (Anzahl) anstelle der Qualität der Beeinträchtigungen ausschlaggebend sein müssen. Der Mensch mit Behinderung kann und muss auch eigene Prioritäten für seine Teilhabe (am Leben in) an der Gesellschaft setzen, da nicht alle der neun angeführten Lebensbereiche die gleiche Wertigkeit für die Person haben werden“.

6.     Die Familie als Leistungsträger: Aufgefallen ist uns auch, dass in dem fast 400 Seiten umfassenden Text nicht in einer einzigen Passage ausdrücklich auf die Leistungen und Situation sowie Bedeutung der Familie als Leistungsträger für einen erkrankten oder behinderten Angehörigen eingegangen wurde. Angehörige übernehmen in vielen Fällen trotz eines professionellen Hilfeangebots wie selbstverständlich teilweise oder umfassend die Begleitung, Betreuung und oder Pflege ihres erkrankten Kindes, der behinderten Eltern, des Partners oder Geschwister. Sie bilden seit Jahrzehnten einen eigenständigen Leistungsbereich, außerhalb der Pflege, außerhalb des Betreuten Wohnen, ohne Inanspruchnahme der Wohnheime, ohne Unterstützung ambulanter Pflegedienste etc. Wir wünschen uns eine sozialrechtlich definierte und quantitativ beschriebene Dimension dieser familiären privaten

Leistungen für Menschen mit Behinderungen. Wie viele Familien sind betroffen? Welche Formen von Betroffenheit liegen vor? Wie viel bildet diese familiäre und private Leistung in Euro ab? Wieviel Teilhabe können diese Familien sicherstellen? Wo brauchen sie Unterstützung? Was ist ihre Qualität, aber auch wo sind die Grenzen, wenn z.B. betreuende Eltern altersbedingt ihre Leistungen nicht mehr sicherstellen können. Natürlich wissen wir, dass es entlastende Hilfen für Familien gibt. Damit wissen wir aber nicht, wie viele Familien/ Angehörige tatsächlich diese leisten. Was für Kostenträger selbstverständlich ist, nämlich einmal im Jahr zu bilanzieren, wieviel Geld für welche Leistungen aufgebracht wurden, gilt analog für versorgende Familien.

Wir fordern daher die familiären privaten Leistungen bei Betreuung eines behinderten / chronisch kranken Angehörigen innerhalb der Familie als eine leistungsrelevante Tatsache anzuerkennen und diese im Sinne des BTHG zu definieren, sie zu quantifizieren, ihren materiellen Wert auszuweisen und als statistisch messbare Leistung in der Bundesstatistik (§143 ff) auszuweisen.

Wir stellen zugleich fest, dass mit dem vorliegenden Entwurf die Familien mit einem behinderten oder chronisch kranken Angehörigen erheblich mehr belastet werden, wenn die ICF in der vorliegenden Form realisiert würde. Dies lehnen wir ab.

Gudrun Schliebener
(Erste Vorsitzende)

Kontakt:

Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.
Dr. Caroline Trautmann (Geschäftsführerin)
Telefon: 0228 71002409
E-Mail: bapk(at)psychiatrie.de
Oppelnerstr. 130
53119 Bonn

Stand: 14.06.2016

Stellungnahme des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. zum Entwurf eines Gesetzes zur Weiterentwicklung der Versorgung und der Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen (Referentenentwurf - PsychVVG)

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. (BApK) ist eine Selbsthilfeverband der vor über 30 Jahren gegründet wurde und sich für die

Belange von psychisch kranken Menschen und Ihrer Familie einsetzt. Dazu gehören nicht nur politische Forderungen, sondern auch Aufklärung durch Öffentlichkeitsarbeit um falsche Vorstellungen und Stigmatisierungen abzubauen.

Unter dem Dach des Bundesverbands engagieren sich 15 Landesverbände mit über 7000 Mitgliedern und über 500 Selbsthilfegruppen.

Allgemeine Bewertung

Das Bundesministerium für Gesundheit hat einen Entwurf eines Gesetzes zur Weiterentwicklung der Versorgung und Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen – kurz PsychVVG - vorgelegt. Damit folgt die Bundespolitik den Forderungen wissenschaftlicher Fachverbände, zahlreicher Verbände aus den Bereichen Psychiatrie und Psychosomatik, Betroffenenverbänden sowie der Freien Wohlfahrtspflege. Der Paritätische Gesamtverband und seine Mitglieder (darunter auch der BApK) hat sich ebenfalls von Beginn an gegen die Einführung eines pauschalierten Entgeltsystems für Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) ausgesprochen und dabei auch das breite zivilgesellschaftliche Bündnis „Weg mit PEPP“ in seinen Forderungen aktiv unterstützt.

Der BApK begrüßt die den politischen Gestaltungswillen zur Weiterentwicklung des psychiatrischen Unterstützungssystems, sieht jedoch bei vielen der neu vorgesehenen gesetzlichen Regelungen noch offene Fragen und Nachbesserungsbedarf.

Zentrale Punkte einer guten Weiterentwicklung der psychiatrischen und psychosomatischen Versorgung sind für den Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen die Stärkung der sektorenübergreifenden Versorgung sowie die tatsächliche Verbesserung der Versorgung von schwer und chronisch psychisch kranken Menschen. Ob der vorliegende Referentenentwurf sich als „PEPP“-System in neuem juristischem Gewand erweist und die Umsetzung doch zu einer Verschlechterung der Versorgung psychisch Erkrankter führt, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend bewertet werden.

Entscheidend ist jedoch folgendes: Menschen mit psychischen Erkrankungen benötigen ein Hilfe- und Versorgungssystem, das die besonderen Bedingungen ihrer Erkrankungen und ihrer Lebenssituation adäquat berücksichtigt. Das pauschalierte Entgeltsystem Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) hat sich hingegen als nicht geeignet erwiesen, da es die falschen ökonomischen Anreize setzt und eine menschenwürdige Versorgung und Behandlung von psychisch erkrankten Menschen nicht gewährleistet. Wissenschaftliche Fachverbände der Psychiatrie und Psychosomatik haben daher ein konkretes Alternativkonzept für ein künftiges Entgeltsystem vorgelegt.

Das Bundesministerium für Gesundheit hat nun einen neuen Gesetzesvorschlag zur Weiterentwicklung der Versorgung und Vergütung im psychiatrischen und psychosomatischen Bereich unterbreitet, der vor allem folgende wesentliche Änderungen beinhaltet:

  1. Erweiterung der Möglichkeiten der ambulanten Behandlung für Psychiatrien und psychosomatische Kliniken durch stationsäquivalente Behandlung (Home Treatment),
  2. Einführung eines krankenhausindividuellen Budgetsystems anstelle von Festpreisen mit umfassenden Kontroll- und Verhandlungsmöglichkeiten für die Krankenkassen,
  3. Verbindliche Einführung des Psych-Entgeltsystems für alle Einrichtungen, jedoch nicht mehr als Preissystem und keine Verlängerung der Optionsphase,
  4. Bestimmungen zur personellen Mindestbesetzung von psychiatrischen und psychosomatischen Krankenhäusern und Abteilungen.

Stellungnahme des BApK

Zu 1. Stationsäquivalente Behandlung / Home Treatment

Die Möglichkeit einer psychiatrischen Behandlung im häuslichen Umfeld ist positiv anzusehen. Allerdings stellen sich Angehörige die Frage welche Verantwortung sie durch das Home Treatment zusätzlich übernehmen müssen? Das Gefühl, die Verantwortlichkeit in die Familie zu verlagern ist enorm. Angehörige müssen, sofern die stationäre Behandlung durch das Home Treatment ersetzt wird, gefragt und involviert werden. Es müssen verbindliche Hilfeleistungen für die Betroffenen Familien vorgesehen werden. Dadurch erfahren Angehörige eine tiefgreifende Entlastung und haben die Hoffnung auf eine langfristige Verbesserung ihrer häuslichen Situation sowie der Lebenssituation des erkrankten Angehörigen.

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen weist darauf hin, dass durch den häuslichen Verbleib des Erkrankten der Familie folgende Belastungen entstehen können:

  • Mit allen kritischen Symptomen, die ein psychisch Kranker in Akutphasen entwickeln kann (Weglaufen, Suizidalität, Aggressivität, Vergiftungsideen, wahnhafte Handlungen, ‚Fortsetzung des Alkoholmißbrauches, etc.) konfrontiert zu sein,
  • Fehlende Abklärung rechtlicher Aspekte, insbesondere bei zunächst nicht erkannter Selbst- und Fremdgefährdung, ab wann muss ich eingreifen?
  • Angehörige sind schon wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilt worden. Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen fordert ein Rechtsgutachten zur Frage der häuslichen Behandlung bei „Problempatienten“. Wer trägt die rechtliche Verantwortung? Der Patient? Der Angehörige? Der klinische Arzt? Der Hausarzt? Der Facharzt?
  • Es ist unerlässlich, dass ein „häusliches Pflegegeld“ (+Rentenversicherung) gezahlt werden, wenn der Behandlungsbedarf ärztlich festgestellt wurde. Die zeitlichen und materiellen Belastungen sind hoch.
  • Eine Festschreibung der Mindestkontaktdichte und der Mindestpersonalpräsenz/ Qualifikation für den häuslichen Bereich sollte erfolgen.
  • Welche Rolle spielt künftig der MDK?
  • Es muss ein Wahlrecht bestehen. Nur wenn pflegende Angehörige/ Lebenspartner/ im Haushalt Zusammenlebende  und Patient einer Meinung sind, dann kann Home Treatment stattfinden. Fühlt sich der Angehörige überfordert (gefährliche Pflege), muss ein klinischer Arzt jederzeit die stationäre Behandlungsnotwendigkeit prüfen und den Patienten jederzeit aufnehmen.


Zu 2. Krankenhausindividuelles Budgetsystem anstelle von Festpreisen

Der BApK mischt sich nicht in das Budgetsystem anstelle von Festpreisen ein.

Zu 3. Einführung des Psych-Entgeltsystems

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V.  sieht den Verbleib beim PEPP-System als Kalkulationsgrundlage kritisch. Auch wenn von der Verwendung als Preissystem Abstand genommen wurde, bleibt Nachbesserungsbedarf, den Entgeltkatalog vor allem in Richtung der sektorenübergreifenden Versorgung weiterzuentwickeln und Versorgungslücken für schwer psychisch kranke Menschen zu schließen.

Zu 4. Mindestpersonalbemessung

Die Psychiatrie-Personalverordnung (Psych-PV) gilt bis einschließlich Ende 2019. Ab dem Jahr 2020 soll es verbindliche Mindestanforderungen für die berufsbezogene Personalausstattung geben, die vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) festgelegt werden. Diese sollen Bestandteil der Qualitätssicherung und möglichst im Rahmen von Leitlinien evidenzbasiert festgelegt werden.

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. begrüßt diese Neuregelung. Die Einhaltung der Mindestvorgaben für die Ausstattung mit therapeutischem Personal muss verbindlich vorgeschrieben werden und oberste Priorität erhalten.

Resümee

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Referentenentwurf bzw. dessen gesetzliche Regelungen zur Weiterentwicklung der Versorgung und der Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen teilweise Verbesserungen gegenüber dem alten PEPP-System enthält.

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. begrüßt unter Vorbehalt der Befragung und Freiwilligkeit der Angehörigen, dass

  • eine stationsäquivalente psychiatrische Behandlung eingeführt wird,
  • der G-BA Mindestvorgaben für die Ausstattung der stationären Einrichtungen mit dem für die Behandlung erforderlichem therapeutischen Personal bis 2019 beschließen muss,
  • die Kliniken die Umsetzung der Psychiatrie-Personalverordnung und später die Mindestvorgaben für das therapeutische Personal nachweisen müssen.


Wenn psychiatrische Kliniken und Fachabteilungen in ihrer Arbeitsweise als Bestandteil der gemeindenahen Versorgung gestärkt werden sollen, ist jedoch die Verzahnung von Krankenhaus und anderen Angeboten für psychisch kranke Menschen mehr als bisher auszubauen. Insbesondere die Einbeziehung der Angehörigen muss Berücksichtigung finden. Diesem Anliegen wird der Entwurf gar nicht gerecht.

Des Weiteren vermisst der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. die Involvierung von Angehörigen. Angehörige treten für gleichberechtigt Gespräche zwischen Betroffenen und Fachleuten der psychiatrischen Versorgung ein. Daher wäre es wünschenswert Angehörige als Expertinnen und Experten anzusehen und einzubeziehen.

Stellungnahme des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. (BApK) für den Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages zum Kabinettsentwurf eines Gesetzes zur Weiterentwicklung der Versorgung und Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen (PsychVVG)

Stellungnahme der des BApK vom 16.09.2016

Unser Bundesverband (BApK), der zugleich 15 Landesverbände der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen vertritt, begrüßt, dass der Deutsche Bundestag über ein Gesetz berät, welches zu einem bedarfsgerechten neuen Entgeltsystem für die Krankenhausbehandlung sowie der krankenhausäquivalenten Leistungen im Bereich von Psychiatrie und Psychosomatik führen soll. Auch wir halten aus Sicht der Angehörigen der psychisch erkrankten Patientinnen und Patienten dies seit langem für notwendig. Der bisher beschrittene Weg über das PEPP-Verfahren hat sich als untauglich erwiesen. Er wurde zu Recht von nahezu allen Fachverbänden, Patientenvertretungen sowie Angehörigen abgelehnt.

In unsere Stellungnahme beschränken wir uns auf die besonders relevanten Gesichtspunkte, die Angehörige unmittelbar berühren. Wir verweisen aber auf die von den Fachgesellschaften und Verbände der Plattform Entgelt c/o DGPPN, Reinhardtstraße 27 B, 10117 Berlin an den Bundesminister für Gesundheit Hermann Gröhe am 16. März 2016 gesandten Anmerkungen und Hinweise der wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Verbände (u.a. des BApK) aus den Bereichen Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie zu den „Eckpunkten zur Weiterentwicklung des Psych-Entgeltsystems“ vorgelegt am 18. Februar 2016.

Von Seiten der Fachgesellschaften und Verbände sowie insbesondere der Bundesdirektorenkonferenz (BDK) liegen weitere aktuelle und differenzierte Stellungnahmen vor. Bei vielen der von diesen vorgebrachten Einwänden können wir uns anschließen. Die Verdopplung der Fallzahlen bei drastischer Verkürzung der Verweildauer ist ein Sachverhalt, den auch wir seit Jahren kritisch anmerken. So kann eine sorgfältige psycho- und soziotherapeutische Arbeit nicht mehr gewährleistet werden. Die „blutige“ Entlassung wird zum Regelfall. Als Angehörige vertreten wir jedoch nicht unmittelbar die Fragen des Personalbedarfs, ihrer Qualifikation und Fragen der Angemessenheit der Entlohnung. Gleichwohl erleben wir in nahezu allen psychiatrischen Kliniken und Abteilungen den zunehmenden Druck auf das Personal, die immer weniger und kürzer werdenden face to face Gespräche zwischen Therapeuten und Patienten bei gleichzeitig anwachsenden Dokumentationsdruck, die fast immer somit auch zu Lasten der häuslichen Situation gehenden Entlassungen von nicht wirklich ausreichend behandelten Patienten und Patientinnen. Die nervenärztliche ambulante Situation ist mindestens genauso schwierig. Wartezeiten von sechs Monaten können von vielen dieser Patienten nicht durchgehalten und erwartet werden. So kommen sie früher in die klinische Behandlung zurück als geplant. Wir gehen davon aus, dass der Gesetzgeber, die Kostenträger sowie die Leistungsträger zwar willens sind, patienten- und familiengerechte Lösungen für diesen Bedarf sicherzustellen. Wir weisen aber darauf hin, dass zahllose Familien mit erkrankten Angehörigen ihre familiäre und häuslichen Leistungen und Tätigkeiten unmittelbar für den erkrankten angehörigen wie selbstverständlich außerhalb jeglichen Tarifvertrages, Arbeitsrechts und Arbeitszeitregelungen erbringen. Auch hier haben infolge der wachsenden „Drehtürpsychiatrie“ die Belastungen zugenommen. Der personale Wert im Sinne eines klinischen Personalbedarfs für diese Angehörigenleistung ist nicht zu beziffern.

Krankenhausäquivalente Leistungen

Grundsätzlich begrüßen wir die Öffnung der klinischen Zuständigkeit auch für psychiatrische Behandlung einschließlich der Pflege, Sozialarbeit, Ergotherapie, etc.  außerhalb des stationären klinischen Bereiches (Home-Treatment). Die Kenntnis der häuslichen Situation, das Aufsuchen von Patienten, die krankheitsbedingt nicht in der Lage sind von sich aus ambulante oder klinische Leistungen in Anspruch zu nehmen, die damit mutmaßlich leichter werdende Kooperation auch mit solchen Angehörigen die die Klinik sonst nicht kontaktieren, entspricht unseren Forderungen. Allerdings sehen wir hierbei eine Reihe von ungeklärten Sachverhalten, die erheblichen Einfluss auf den Personalbedarf, die Zahl der vorgehaltenen Betten und auf unsere Belastbarkeit als Angehörige haben werden:

  • Die Behandlung zuhause berührt in vielen Fällen nicht nur den Erkrankten, sondern findet mitten innerhalb einer Familie, in Gegenwart von Partnerinnen, Eltern, Kindern und ggf. weiteren Haushaltsmitgliedern statt. Wenn dem so ist, müssen diese in die Entscheidung einbezogen werden, ob und wie die Behandlung zuhause erfolgt. Bei der Schwere zahlreicher psychischer Erkrankungen, sei es eine Psychose, eine Depression mit suizidalen Tendenzen, eine dauerhafte Persönlichkeitsstörung, ist das häusliche Umfeld immer mitbelastet. Insbesondere, wenn Kinder im Haushalt leben. Hier bedarf es klarer Regelungen, die auch dazu führen können, dass Angehörige eine Behandlung zuhause ablehnen, auch wenn der Betroffene dies anders wünscht. Das heißt Angehörige sind regelhaft in die Entscheidung des Behandlungsortes im Sinne der Qualitätssicherung einzubeziehen. Unsere Forderung: Nur eine kooperative Entscheidung mit den Angehörigen kann zielführend sein. Dies muss durch eine verbindliche Regelung verankert werden.
  • Gruppenarbeit: Das klinische Personal wird vielfach psycho- und soziotherapeutisch in Gruppenarbeit sowohl aus therapeutischen als auch ökonomischen Gründen eingesetzt. Gruppentherapien sind im häuslichen Bereich nicht realisierbar. Hier bedarf es daher neue Kooperationsformen z.B. mit Institutsambulanzen, niedergelassenen Psychotherapeuten, ambulante-klinischer Behandlungsmix, etc. um einerseits im häuslichen Bereich behandeln zu können, aber gleichzeitig die dann doch sehr enge Behandlungssituation psycho- und soziotherapeutisch öffnen zu können. Auch der Kontakt zu anderen Patienten kann durchaus sehr hilfreich sein. Eine zu eng gefasste häusliche Therapie droht sich auf die medikamentöse Behandlung zu verengen. Dies lehnen wir ab. Wir fordern eine Öffnung für die Sicherstellung von Gruppenaktivitäten auch bei der Behandlung zuhause.
  • Die Rolle der Angehörigen: Wir weisen auch darauf hin, dass Angehörigen nicht quasi automatisch in die Rolle der Hilfspflegenden gedrängt werden dürfen. Es gehört zu unserem „Angehörigenstandard“ wie bei der Medikamenteneinnahme die erkrankten Familienmitglieder nicht zu bedrängen ihr/e Medikament/e einzunehmen. Es ist der Entscheidung des Betroffenen überlassen und bei Fragen und Zweifeln das Gespräch mit den Behandlern zu suchen. Eine Verantwortungsübernahme wie z.B. zur Medikamenteneinnahme im Sinne der Sicherstellung von „Compliance“ lehnen wir ab. Angehörige sind keine Hilfspfleger.
  • Reduzierung von Betten: Wenn der Gesetzgeber eine Kürzung der klinischen Betten beabsichtigt, darf diese nicht unmittelbar geschehen. Es muss den Kliniken, den Patienten und den Angehörigen ausreichend Zeit eingeräumt werden Erfahrungen mit einem neuen Versorgungsangebot zu sammeln.  Es hat sich erwiesen, dass ein Abbau z.B. der früheren Langzeitstationen nur dann patientengerecht erfolgte, wenn ausreichend ambulante qualifizierte gemeindepsychiatrische Maßnahmen auf der Basis der bisherigen Eingliederungshilfe vorhanden waren. Ein rascher Abbau ohne qualifizierte Entwicklung verschiedener Modelle und ohne Evaluation des klinischen „Home-Treatment“ halten wir für gefährlich und kann patientenschädigend sein. Wir schlagen einen Erprobungszeitraum von 5 Jahren mit 5 Modellvorhaben bei gleichzeitiger Evaluation vor. Wir empfehlen auch darauf zu achten, dass wir in den letzten zwei Jahrzehnten einen erheblichen Zuwachs an Betten in der Psychosomatik zu verzeichnen hatten, daher wäre vor allem hier die Reduktion zu prüfen.
  • Menschenwürde wahren, Zwangseinweisung vermeiden, aufsuchende Hilfen stärken“ so lautet der Aufruf unter der Federführung des Landesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker Hamburg (Dr. Hans Jochim Meyer). Er wurde bundesweit von nahezu 1.400 Personen unterzeichnet. Darunter zahlreiche beruflich Tätige aus klinischer und ambulanter Versorgung, Repräsentanten nahezu aller Fachorganisationen, zahlreiche Familienangehörige und auch Psychiatrie-Erfahrene. Der Grundaussage wird zugestimmt, unser insgesamt gut ausgebautes psychiatrisches Versorgungssystem weist für bestimmte Erkrankte gravierende Lücken auf. Gerade gegenüber solchen schwerkranken Menschen, die in einer Phase ihrer Erkrankung ihre Hilfsbedürftigkeit nicht mehr erkennen können oder krankheitsbedingt nicht in der Lage sind, Hilfen einzufordern und anzunehmen. Sie werden vom Versorgungssystem nicht erreicht, auch, weil man ihr Grundrecht auf autonome Entscheidungen über ihre Gesundheit nicht verletzen wolle. Wir aber sagen, dies führt zum Gegenteil dessen, was Autonomie bedeutet: es kommt eher zu Zwangseinweisungen, häufiger zu Aufnahmen in die Forensik, in den Strafvollzug, in Wohnungslosigkeit sowie zu schweren Schäden an der materiellen oder sozialen Situation bei den Betroffenen und auch zu Schäden gegenüber Dritten. Hier erwarten wir auch durch das neue Entgeltsystem Antworten darauf, wie es mit dem richtigen Personalbedarf und Personaleinsatz gelingt, Behandlung zu ermöglichen, Zwangsmaßnahmen zu vermeiden und massive Folgeschäden zu verhindern.
  • Die Einbeziehung von Angehörigen im klinischen Bereich erfolgt bundesweit extrem uneinheitlich. Hierfür ist in der Tätigkeit der klinischen Mitarbeiter bei der PsychPV unter 4. „Mittelbar patientenbezogenen Tätigkeiten“ auch „Selbsthilfe und Angehörigengruppen“ ausgewiesen, damit ist aber keineswegs gesichert, dass diese auch tatsächlich stattfinden. Als Angehörigen fordern wir die Verankerung der Kooperation mit den Angehörigen im Sinne einer gegenseitigen Kooperationsvereinbarung zwischen klinischen aber auch ambulanten Anbietern und einer regionalen Angehörigenorganisation als Teil der Qualitätssicherung der klinischen oder außerklinischen Behandlung. Unser Forderung lautet: Abschluss einer Kooperationsvereinbarung in der die Punkte Schweigepflicht, Festlegung eines Arztes und Krankenpflegers als Ansprechpartner, Einladung zum Angehörigengespräch, regelmäßiges Gruppenangebot für Angehörige,  Entlassungsplanung, Fremdanamnese, und wenn rechtlich erforderlich Beteiligung am Betreuungsverfahren, stets mit Zustimmung des Patienten geregelt sind.


Wir fordern alle personellen Berechnungsgrundlagen künftig auch an der Weiterentwicklung der psychosozialen Therapien, der Psychotherapie und Pharmakotherapie für die schwer und chronisch psychisch erkrankten Patientinnen und Patienten zu messen.

Mit freundlichen Grüßen

Gez.
Gudrun Schliebener
Vorsitzende                                                                

Christian Zechert
Mitglied im Vorstand