Unverzichtbar, aber oft übergangen
Studie beleuchtet Lage von Angehörigen in der psychiatrischen Versorgung zu Hause

Eine neue Publikation aus der AKtiV-Studie (Evaluation der Stationsäquivalenten Psychiatrischen Behandlung in Deutschland) ist erschienen. Die qualitative Studie von Emma Kula, Marie Salzmann et al. untersucht die Rolle, Erfahrungen und Bedürfnisse informeller Bezugspersonen (z. B. Angehörige und enge Freunde) in der stationsäquivalenten psychiatrischen Behandlung zu Hause (Home Treatment, HT) in Deutschland. Grundlage sind Interviews, Fokusgruppen und Tagebücher von 27 Teilnehmenden, ausgewertet mittels Grounded-Theory-Methodik.
Die Ergebnisse zeigen, dass Angehörige eine zentrale, aber komplexe Rolle im Behandlungsprozess einnehmen. Sie initiieren häufig die Behandlung in Krisensituationen, organisieren Abläufe, unterstützen emotional und praktisch im Alltag und fungieren als Vermittler zwischen Patient:innen und Fachpersonal. Zudem tragen sie zur Informationsweitergabe bei und schaffen die räumlichen sowie sozialen Voraussetzungen für die Therapie im häuslichen Umfeld.
Gleichzeitig sind diese Rollen oft unklar definiert. Viele Angehörige berichten von Unsicherheit hinsichtlich ihrer Aufgaben, Erwartungen und Grenzen. Fehlende oder unzureichende Kommunikation seitens der Behandlungsteams verstärkt diese Unklarheit und führt teilweise zu Rollenkonflikten oder dem Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Auch die gewünschte Einbindung variiert: Während einige mehr Beteiligung anstreben, lehnen andere diese bewusst ab oder werden durch Patient:innen ausgeschlossen.
Ein zentrales Ergebnis ist die hohe Belastung der Angehörigen. Neben emotionalem Stress durch die Krisensituation müssen sie häufig zusätzliche Alltagsaufgaben übernehmen, was zu Überforderung führen kann. In manchen Fällen führt dies sogar zum Abbruch der häuslichen Behandlung. Gleichzeitig wünschen sich viele mehr Anerkennung, aktive Ansprache durch Fachpersonal sowie Informationen über Unterstützungsangebote.
Die Studie schlussfolgert, dass eine systematische Einbindung von Angehörigen entscheidend ist. Dazu gehören klare Rollenklärung, strukturierte Zusammenarbeit und gezielte Unterstützungsangebote. Frühzeitige gemeinsame Gespräche über Erwartungen und Verantwortlichkeiten könnten Unsicherheiten reduzieren und die Belastung verringern. Insgesamt zeigt die Studie, dass HT großes Potenzial für eine engere Einbindung von Angehörigen bietet, dieses jedoch nur durch klare Strukturen und ausreichende Unterstützung ausgeschöpft werden kann.
Die Ergebnisse sind Open Access frei zugänglich (englisch). Link: https://link.springer.com/article/10.1186/s12888-026-08018-9).